• Argentinisches Tageblatt

Ungewisse Konjunkturaussichten

Von Juan E. Alemann

Die Umkehrung der Konjunktur, mit einer Auftriebswelle im 3. und 4.Quartal 2019, die im Juli schon sanft eingesetzt hatte und auch von uns erwartet wurde, wurde durch das Ergebnis der PASO-Wahlen vom 11. August abrupt unterbrochen. Plötzlich trat die Erinnerung an die Regierung von Cristina und die Gefahr eines Defaults auf, und es gab einen Ansturm auf den Dollar und auch eine neue Abwertung. Und seither geht die Konjunktur abwärts.

Doch dies hat auch den PASO-Gewinner Alberto Fernández erschrocken und ihn zu einer mäßigen Haltung geführt, die sich deutlich vom Kirchnerismus unterscheidet. Die Finanzwelt weiß jetzt, dass es voraussichtlich einen “zivilisierten” Default geben wird, mit Streckung der Amortisation von Schulden, wie er unlängst schon teilweise eingeführt wurde. Es soll nicht wie 2001 sein. Und das beruhigt die Gemüter. Denn dann kann die wirtschaftliche Tätigkeit normal weitergehen. Diese bessere Stimmung ist auch schon in einer Erholung der Kurse argentinischer Aktien und Staatstitel zum Ausdruck gekommen, die in New York kotieren.

Bei der Einschätzung der Zukunft, angenommen AF gewinnt am 27. Oktober, bestehen drei Möglichkeiten: 1. Dass die Krise sich vertieft, mit noch höherer Inflation und eventuell Hyperinflation; 2. Dass die gedrückte Lage anhält und die Überwindung der Krise nicht gelingt; 3. Dass die Konjunktur wieder aufwärts geht und die Inflation gebändigt wird. Wir räumen jeder dieser Möglichkeit die gleiche Chance ein, von 33%.

Die Regelung der Staatsschuld ist eine erste Voraussetzung für eine Überwindung der Krise. Als konkreter Erholungsfaktor wirkt dann auch die Tatsache, dass der größte Teil der Rekordernte noch nicht verkauft wurde, aber vor der Aussaat der nächsten Periode verkauft werden muss. Man kann also mit relativ hohen Exporten in den kommenden Monaten rechnen. Ebenfalls wirkt der hohe Rindfleischexport positiv.

Was die Konjunktur besonders antreiben sollte ist die Geldschöpfung, die als Folge der Steuervergünstigung und der zusätzlichen Sozialausgaben entsteht. Die Regierung hat ihre strenge monetäre Politik, mit Nullzunahme der monetären Basis, aufgegeben, und das hat eine große Bedeutung. Der Wirtschaftler Miguel Angel Broda rechnet damit, dass die Geldschöpfung bis Ende dieses Jahren $ 300 Mrd. betragen wird, 25% der gegenwärtigen monetären Basis. Das sollte eine höhere Nachfrage schaffen, sofern die Inflation nicht weiter zunimmt und somit die höhere Nachfrage ausgleicht. In diesem Sinn ist es wichtig, dass der Wechselkurs sich etwa auf dem gegenwärtigen Niveau hält, und es keinen Sprung bei den Tarifen öffentlicher Dienste gibt. Die Inflation muss von der Kostenseite bekämpft werden. Ein Stillhalteabkommen bei Löhnen und Preisen, im Rahmen des angekündigten Sozialpaktes, wäre ebenfalls wichtig. Darüber wird in letzter Zeit intensiv zwischen dem Industrieverband Unión Industrial Argentina und dem Gewerkschaftsverband CGT gesprochen.

Auch würde die Senkung der Zinsen, die AF besonders betont, mit zur Besserung der Konjunktur beitragen. Indessen ist der Umfang der Kredite beschränkt, weil die Depositen im Verhältnis zum BIP sehr niedrig sind. Die Kreditpolitik hat somit beschränkte Möglichkeiten.

Schließlich sollte man nicht vergessen, was in den Lehrbüchern über Wirtschaft steht, dass eine Rezession allgemein Änderungen herbeiführt, auf denen dann die nächste Aufschwungphase beruht. Es wird rationalisiert, es werden Marktnischen aufgefunden, und auch der Verkauf wird neu aufgebaut. Gegenwärtig bietet die Computertechnologie viele Möglichkeiten, um Kosten zu sparen und die Entscheidungen zu verbessern, weil die Unternehmensführung besser und sofort informiert ist. Doch der Aufschwung, der dann kommt, wird nicht von einer höheren Beschäftigung begleitet, es sei denn, es bestehen besondere Anreize für dies.

Das Bruttoinlandsprodukt wird dieses Jahr mit einem Rückgang von etwa 2,5% abschließen, wobei Dezember 2019 voraussichtlich um über 4%, eventuell auch über 5%, unter Dezember des Vorjahres liegen dürfte. 2020 sollte im schlimmsten Fall mit Nullwachstum abschließen. Aber es kann durchaus bis zu minus oder plus 2% sein. Die Ungewissheit bleibt groß und nimmt erst ab 10. Dezember ab, wenn man weiß, wie sich die neue Regierung verhält, und ob sie Erfolg bei der Beherrschung der kritischen Lage hat.


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