• Argentinisches Tageblatt

Nahrungsmittel für alle

Von Juan E. Alemann

Argentinien erzeugt Nahrungsmittel, die für viel mehr Menschen ausreichen, als die, die im Land wohnen. Gelegentlich ist von 400 Mio. Menschen die Rede, also 9 Mal so viele, wie die lokale Bevölkerung von 44 Mio. Das sind jedoch theoretische Berechnungen, die sich eventuell nur auf Getreide und Ölsaaten beziehen. Dennoch: es sollte in diesem gesegneten Land kein Problem geben, um alle hier wohnenden Menschen gut zu ernähren, also mit einer ausreichenden und ausgeglichenen Nahrung, die Kohlenhydrate, Protein, Fett, Minerale und Vitamine in ausreichendem und ausgewogenem Ausmaß enthält.

Das ist jedoch nicht der Fall, wobei die mangelhafte und schlecht zusammengesetzte Ernährung bei vielen Kindern schwere Gehirnschäden hinterlässt, die die Intelligenz und die Lernfähigkeit beeinträchtigen und somit die zukünftige Eingliederung in die Arbeitswelt erschweren. Das Ernährungsproblem hat sich mit der Rezession stark verschärft, war aber schon vorher vorhanden, und hat in gewissem Umfang chronischen Charakter. Dabei werden auch Nahrungsmittel in großem Umfang weggeworfen, sei es, weil es sich um Gemüse handelt, das verdorben ist, oder um verarbeitete Nahrungsmittel, deren Verfallsdatum überschritten wurde. Was nicht bedeutet, dass sie dann schädlich sind.

Präsident Raul Alfonsín (1983-89) war sich des Problems bewusst, und schuf in diesem Sinn das PAN-Programm, bei dem Lebensmittelschachteln in großen Mengen verteilt wurden. Dabei gingen diese Lieferungen zum allergrößten Teil an Familien, die keinen Hunger litten. Es war ein teures und ineffizientes Programm, das schließlich aus finanziellen Gründen zusammenbrach. Carlos Menem führte gleich am Anfang seiner Regierung (1989-1999) ein System ein, dass in der Vergebung von Kaufscheinen an arme Familien bestand, mit denen die Empfänger in Supermärkten kaufen konnten. Das war auf alle Fälle besser gedacht als das PAN-Programm. Doch dies scheiterte, weil Scheine gestohlen wurden und es einen Riesenskandal gab.

Danach hat Menem Systeme dieser Art aufgegeben, aber das Programm Pro-Huerta eingeführt, das sehr erfolgreich war, aber eine beschränkte Reichweite hatte. Es bestand darin, Familien mit einem kleinen Grundstück über das landwirtschaftliche Technologieinstitut INTA, mit Samen von Gemüse und Obst, eventuell auch Hühner und sonstwas, zu versorgen, und ihnen beim Anbau eines Gartens für diese Lebensmittel beizustehen. Es bildeten sich um die halbe Million Gemüsegärten dieser Art, die etwa 2 Mio. Menschen eine Ernährungsgrundlage boten. Das Programm wurde mit dem Regierungswechsel von 1999 zwar nicht aufgegeben, aber unter den verschiedenen folgenden Regierungen nur lustlos weitergeführt. Heute weiß man nicht einmal, wie viele Gärten dieser Art es im ganzen Land gibt. Das Programm schloss auch kommunale Gärten und solche von Schulen ein. Es war ein äußerst billiges soziales Programm, das von dieser Regierung wieder aufgenommen werden sollte. Beiläufig gesagt: es sollte beim normalen Schulunterricht auch gelehrt werden, wie sich eine ausgeglichene Nahrung zusammensetzt und wie man sie zubereitet. Es wäre dabei sehr wichtig, dass die Schüler in ländlichen Gegenden lernen, wie man Gemüse und Obst anbaut, Hühner und eventuell Kaninchen und Schweine züchtet. Das Programm Pro-Huerta oder ein ähnliches wäre keine Gesamtlösung für das Ernährungsproblem, aber ein effektiver und sehr billiger Beitrag.

Darüber hinaus geht die Lösung über die zahlreichen privaten und halböffentlichen Essräume, die zum großen Teil von Wohltätigkeitsorganisationen betrieben werden. Wenn sie der Staat mit Lebensmitteln beliefert und ihnen eventuell noch eine Subvention gibt, können sich die Essanstalten vermehren. An erster Stelle müsste ein staatliches Amt die Überschüsse des Zentralmarktes von Buenos Aires, an der Ausfahrtstraße nach Ezeiza, sammeln und verteilen, und dann auch Abkommen in diesem Sinn mit Supermärkten abschließen, die ohnehin ein Problem mit Lebensmitteln haben, bei denen das Verfalldatum nahe liegt oder schon leicht überschritten wurde. Ein System dieser Art wäre viel billiger und wirksamer als die bestehenden Sozialprogramme, bei denen viele Familien einen Geldbetrag erhalten, der für einige unzureichend und bei anderen nicht notwendig ist.

Vor einigen Jahren schenkte die Kette McDonald´s täglich vor Schluss was übrig geblieben war. Ohnehin musste es sonst weggeworfen werden, weil die Ware immer frisch sein muss. Doch dann strengte ein Empfänger einen Prozess gegen die Firma an, weil das geschenkte Sandwich angeblich verdorben war und ihm einen Gesundheitsschaden verursacht hatte. Daraufhin hat McDonald´s dies eingestellt. Unlängst hat die Regierung ein Gesetzesprojekt vorgelegt, das Schenkungen von Lebensmitteln fördert, und denjenigen, der schenkt, von jeglicher Verantwortung befreit. Doch mit diesem Punkt waren viele Abgeordnete nicht einverstanden, so dass es ein Problem bei der parlamentarischen Behandlung gab, und das Projekt noch nicht verabschiedet werden konnte.

Das Ernährungsproblem muss von allen möglichen Seiten in Angriff genommen werden. Es ist keine Utopie, zu erreichen, dass in Argentinien alle Menschen über ausreichende und ausgeglichene Ernährung verfügen. Dabei taucht stets das Problem mit dem Rindfleisch auf, das traditionell in hohen Mengen konsumiert wurde, u.a. weil es in der Kolonialzeit im Überschluss angeboten wurde und sehr billig war. Das hat die Konsumgewohnheit geprägt. Doch Fleisch ist eine teure Ernährung, und auch bei überhöhtem Konsum eine ungesunde. Fleisch, sei es von Rindern, Schweinen, Schafen oder Geflügel, muss bei den Sozialprogrammen bei der Zubereitung der Mahlzeiten gestreckt werden, wobei auch Kutteln (also Därme) eingesetzt werden können, die genau so gut wie Fleisch ernähren, aber viel billiger sind und von den Schlachthöfen gelegentlich sogar weggeworfen werden. Eine gute Ernährung braucht nicht teuer zu sein, und ein umfassendes Ernährungsprogramm auch nicht. Es ist mehr eine Frage der Organisation als der finanziellen Kosten. Frage: überlegt sich jemand in der Regierung all die Dinge, die wir hier aufgeführt haben? Und in der Opposition?

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