• Argentinisches Tageblatt

Kolumbien droht Corona-Kollaps

Krankenhäuser am Limit / Proteste und Gewalt

Kolumbien
Medizinische Mitarbeiterinnen sehen einem Protest in Bogotá zu. (Foto: dpa)

Bogotá (dpa/mc) - Nach tagelangen Protesten steht das Gesundheitssystem in Kolumbien angesichts der Corona-Pandemie vor dem Zusammenbruch. "Es muss mit aller Realität gesagt werden: die Ansteckungssituation in Bogota ist kritisch: fast einhundertprozentige Belegung der Intensivstation", schrieb der kolumbianische Gesundheitsminister Fernando Ruiz am Mittwochabend auf Twitter. 500 Patienten müssten aus der Hauptstadt in andere Teile des Landes verlegt werden.

Seit zwei Wochen kommt es in Kolumbien zu zahlreichen, teilweise von Gewalt überschatteten Protesten. Mindestens 42 Menschen sind nach den jüngsten Angaben der nationalen Ombudsstelle während der Protesttage ums Leben gekommen, 168 Personen werden vermisst.

Zugleich erlebt Kolumbien derzeit einen der schwersten Momente der Pandemie mit einer hohen Auslastung der Krankenhäuser. Mehr als 3 Millionen Menschen haben sich mit dem Coronavirus infiziert, fast 80.000 Patienten sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben.

Derweil machte die kolumbianische Regierung erste Zugeständnisse angesichts der Proteste. Im zweiten Semester 2021 werde das Studium an öffentlichen Hochschulen für Studenten aus einkommensschwachen Familien kostenlos sein, kündigte Präsident Iván Duque am Dienstag bei einem Besuch in der Stadt Cali an. "Wir wollen den verschiedenen Sektoren unseres Landes zuhören und einen Pakt für die Jugend schließen", sagte Duque. "Das ist eine fundamentale Säule für die Gleichheit in Kolumbien."

In der Nacht auf Dienstag war in Pereira ein Demonstrant nach tagelangem Todeskampf im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen. Unbekannte hatten in der vergangenen Woche acht Kugeln auf ihn abgefeuert. Der 37-jährige Yogalehrer wurde schnell zu einem Symbol der Proteste. In den sozialen Netzwerken kursierte ein Video des Mannes, in dem er auf einer Demonstration ruft: "Sie töten uns in Kolumbien."

Zuerst demonstrierten die Menschen gegen eine umstrittene Steuerreform, die Präsident Duque inzwischen zurückgenommen hat. Die meisten Demonstranten haben nun neue Ziele, wie den Widerstand gegen eine geplante Gesundheitsreform und den Einsatz für den brüchig gewordenen Friedensprozess.

Am Montag stimmte die Regierung Gesprächen mit dem Streikkomitee schließlich zu. Die Gruppe, zu der verschiedene Gewerkschaften, soziale Bewegungen und Studentenverbände gehören, fordern unter anderem kostenlose Bildung, Subventionen für kleine Betriebe und mehr Maßnahmen gegen Diskriminierung. Bei einem ersten Treffen kam es allerdings zu keiner Übereinkunft. Während das Streikkomitee ein Ende der Gewalt durch die Sicherheitskräfte forderte, verlangte Duque den Abbau der Straßensperren, die seit Tagen die Versorgung von zahlreichen Städten erschweren.

Kolumbien ist nach Brasilien das zweitbevölkerungsreichste Land sowie der wichtigste Verbündete der USA in Südamerika. Mehr als 50 Jahre lang herrschte dort Bürgerkrieg, 220.000 Menschen kamen ums Leben, Millionen wurden vertrieben. 2016 schloss die kolumbianische Regierung Frieden mit der linken Farc-Guerilla. Die Wirtschaft erlebte daraufhin einen Aufschwung, der Tourismus - auch aus Deutschland - boomte. Doch der Frieden ist labil, die exzessive Polizeigewalt ein Rückschlag.


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