• Argentinisches Tageblatt

Im Blickfeld: Typisch deutsch

Von Friederike Rennecke

Vermutlich hat ein Christkind noch nie zuvor so viele Schlagzeilen gemacht wie Benigna Munsi. Sie ist 17 Jahre alt, hat ein wundervoll freundliches Lächeln und wird für die nächsten zwei Jahre den Nürnberger Christkindlesmarkt eröffnen und die Stadt vertreten. Sie ist in Deutschland geboren, hat eine deutsche Mutter und einen Vater, der aus Indien kommt. Seit „einer gefühlten Ewigkeit“ besitzt er allerdings die deutsche Staatsbürgerschaft. Dennoch nimmt die rechtspopulistische AfD ihr nicht ganz so typisch deutsches Aussehen sofort zum Anlass, um im Internet wiederholt rassistische und fremdenfeindliche Kommentare zu hinterlassen. „Ein ‚Christkind‘, dem man die Herkunft an der Nasenspitze ansehen kann, ist ein Schlag ins Gesicht aller Freunde von Tradition und gewachsener Herkunft“, heißt es dort von AfD-Bundestagsabgeordneten Reinhardt Rupsch. Der aber wohl umstrittenste Kommentar kam vom AfD-Kreisverband München-Land München: „Nürnberg hat ein neues Christkind. Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen.“ Dies kann eigentlich nur als eine Anspielung an die indigenen Völker verstanden werden, die in den USA von den europäischen Einwanderern nach und nach verdrängt und unterdrückt worden sind. In einem weiteren Beitrag distanziert sich die AfD-Kreisvorsitzende München-Land Christina Specht von dieser Aussage und betont, dass diese Ansichten nicht den Werten der AfD entsprechen würden, und entschuldigt sich bei Benigna Munsi.

Alle diese Beiträge wurden inzwischen wieder gelöscht, aber das Internet vergisst nicht, was einem anhand der Reaktionen wieder einmal hervorragend demonstriert wird. Innerhalb kürzester Zeit gibt es tausende Gegenreaktionen und Unterstützer für die junge Benigna. Andere Facebook- und Twitter-Nutzer schreiben: „Der AfD München-Land ist nicht mal das Christkind heilig“ heißt es dort, oder „Den Gedanken der Nächstenliebe scheint ihr noch nicht ganz verstanden zu haben“. Es hat sich ein förmlicher „Love-Storm“ an Unterstützern für Benigna Munsi in den Sozialen Medien gebildet. Welche sich nun umso mehr freut, Nürnberg vertreten zu können. Ihre Reaktion gegenüber der AfD war, dass es ihr leidtue „für die Menschen, die mit solch einer Sicht durchs Leben gehen und sich nicht auf das fokussieren können, was wirklich wichtig ist“. Was für wahre Worte gesprochen von einer 17-Jährigen. Die sollte sich die AfD vermutlich einmal zu Herzen nehmen. Man muss sicherlich nicht verstehen, wie die Wahl des Christkindes so eine Reaktion der AfD hervorrufen kann. Schließlich tragen die Mädchen sowieso eine blond gelockte Perücke. Allerdings ist es auch nicht das erste Mal gewesen, dass die AfD mit solcher Art Kommentare aufgefallen ist. 2016 hat der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland für Schlagzeilen gesorgt, in dem er über den Fußballer Jerome Boateng behauptete, dass die Leute ihn als Fußballspieler gut fänden, ihn aber nicht als Nachbarn haben wollten. Die Aussage über den in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Nationalspieler wird als „geschmacklos“ empfunden und hat unzählige Reaktionen an Empathie für Boateng zur Folge. Gauland versucht schließlich zurückzurudern und meinte, er habe Boateng nicht verletzen wollen.

Auf der einen Seite steht die Tatsache, dass sich Menschen immer noch von Vorurteilen leiten lassen und rassistische Kommentare von sich geben. Dies ist traurig und passt eigentlich nicht in unsere Zeit des Fortschritts, in der der kulturelle Austausch so einfach ist wie nie zuvor. Dass eine Partei mit solch öffentlich fremdenfeindlichen Ansichten, zurzeit so großen Anklang in vielen deutschen Regionen findet, ist erschreckend. Auf der anderen Seite ist es gerade schön zu sehen, wie sehr die Menschen zusammenhalten, sich deutlich gegen solche Aussagen stellen und sich für ein junges Mädchen wie Benigna Munsi einsetzen. Sie ist in einer Tradition von über 70 Jahren das erste nicht-weiße Christkind. Man könnte dies als einen Fortschritt der Integration deuten. Aber eigentlich sollte die Hautfarbe in solchen Dingen keine Rolle spielen. Dennoch stellt sich generell die Frage, inwiefern die derzeitige Version des Christkindes in Nürnberg mit blond gelockter Perücke, Krone und goldenem Gewand noch in unsere Zeit passt. Eine Tradition, die bis 1948 zurückgeht.

Aber Traditionen kann man auch brechen. Ein wirklich schönes Beispiel dafür ist die Wahl des Weinkönigs in Trittenheim vor schon 20 Jahren! Cephas Bansah, König einer Region in Ghana, wohnhaft in Ludwigshafen, war der erste Weinkönig des Trittenheimer Weinfestes. Zuvor gab es immer nur Weinköniginnen, aber es konnte niemand passendes gefunden werden. Also hat man sich 1999 für den Afrikaner entschieden. Zu der etwas unüblichen Entscheidung kommt noch hinzu, dass er noch nie zuvor in seinem Leben Wein getrunken hatte. Auch er hat damals für unzählige Schlagzeilen gesorgt, aber so wie auch jetzt bei Benigna Munsi, war die Unterstützung aus der Gemeinde riesengroß. Warum muss denn auch alles dem Idealbild entsprechen? Warum muss es denn so bleiben, nur weil es „schon immer so war“? Veränderungen bedeuten nicht immer etwas Schlechtes, manchmal sind sie sogar notwendig. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und hat viel zu viel Angst vor Veränderungen und dem Neuen. Aber warum eigentlich?

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