• Argentinisches Tageblatt

Im Blickfeld: See you later

Von Stefan Kuhn

Man möchte aufatmen. Endlich sind sie weg. Im dritten Anlauf wird das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland die Europäische Union verlassen. Am heutigen Freitag, um 20 Uhr argentinischer Zeit verkleinert sich die EU zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Und sie verkleinert sich signifikant. Sie verliert rund 15 Prozent ihrer Einwohner, 6 Prozent ihrer Fläche und 18 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Das Königreich war nach Deutschland die zweitgrößte Wirtschaftsmacht im vereinten Europa. Man möchte heulen, denn eigentlich gehören die Briten zu Europa. Sie hinterlassen eine Lücke.

Andererseits kann man die viereinhalb Jahrzehnte britische EWG-, EG- bzw. EU-Mitgliedschaft durchaus als eine Aneinanderreihung von Irrtümern verstehen. Das vereinte Europa war zunächst eine britische Idee. Winston Churchill sprach bereits 1946 in einer Rede in der Universität Zürich von den „Vereinigten Staaten von Europa“. Sein eigenes Land ließ er dabei außen vor. Europa war für das britische Weltreich wohl zu provinziell. Der Zerfall des Empire begann erst ein Jahr später mit der Unabhängigkeit Indiens.

Als 1957 mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bestehend aus Deutschland, Frankreich, Italien und den Benelux-Ländern die Vorläufer-Organisation der EU entstand, war das britische Inselreich nicht dabei. Das Empire war schon ziemlich gerupft, bestand allerdings in den Köpfen der Briten weiter. Das heißt, London hätte sich wohl mit einer europäischen Einigung anfreunden können, aber dann bitte unter britischer Führung. Die Vorstellung, dass Länder wie Frankreich, Deutschland und Italien gleichberechtigt mit dem Vereinigten Königreich an einem Tisch sitzen, mag zwölf Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs für viele Briten befremdlich gewesen sein.

Sechs Jahre später sah das schon anders aus. Europa blühte wirtschaftlich, Großbritannien darbte und stellte ein Beitrittsgesuch. Frankreich stellte sich quer. Präsident Charles de Gaulle wollte die Briten nicht dabei haben. Die Gründe liegen auf der Hand. Mit den Briten wäre ein Akteur hinzugekommen, der mächtiger als Frankreich gewesen wäre. Vielleicht hat de Gaulle aber auch gespürt, dass die Briten nicht so richtig zu Europa gehören. Erst nach de Gaulles Tod 1970, unter seinem Nachfolger Georges Pompidou, wurden Beitrittsverhandlungen aufgenommen. 1973, ein Jahrzehnt nach dem ersten Beitrittsgesuch wurde das Vereinigte Königreich zusammen mit Irland und Dänemark EWG-Mitglied.

So richtig warm wurden die Briten nie mit Europa. Schon 1975 gab es eine erste Volksabstimmung über die Mitgliedschaft. Damals stellte die Labour-Partei Europa in Frage. Der damalige Premier Harold Wilson hatte das Referendum durchführen lassen. Heute sind es eher die Konservativen, die die EU verlassen wollen. Das vom Tory-Premier David Cameron initiierte Referendum von 2016 führte zum jetzigen Austritt. 1975 hatten sich zwei Drittel der britischen Bevölkerung gegen einen Austritt entschieden. Vier Jahrzehnte später waren 51,89 Prozent dafür.

Die EU ist dem Vereinigten Königreich immer entgegengekommen. Premierministerin Margaret Thatcher hat Brüssel einen „Briten-Rabatt“ abgerungen. „Wir wollen unser Geld zurück“, hatte die „Eiserne Lady“ in den 1980er-Jahren gefordert. Das hätten andere Nettozahler wie Deutschland ebenso fordern können. Thatchers Vorstoß war Populismus pur. Die damalige EG war wie die heutige EU eine Art Solidargemeinschaft. Ziel ist, das wirtschaftliche Niveau der Mitgliedsstaaten anzugleichen. Das heißt, Reiche zahlen, Arme kassieren.

Natürlich hatten die Briten große „Kränkungen“ erleiden müssen. Die Umstellung aufs Dezimalsystem, die Abschaffung ihrer Gewichtseinheiten und Längenmaße. Man mag darüber lachen, aber in Frankreich würde es einen Volksaufstand geben, wenn man das metrische System abschaffen würde.

Dass das Vereinigte Königreich nun nicht mehr EU-Mitglied ist, hat aber weniger mit der Abschaffung des Shilling (12 Pence) oder der Unze (28,349523125 Gramm) zu tun, sondern damit, dass die Briten zwar einen gemeinsamen Binnenmarkt wollen, aber kein politisch geeintes Europa. Brüssel hat London in dieser Hinsicht Zugeständnisse gemacht, aber der Bevölkerung ging das nicht weit genug. Das Brexit-Votum war eine Gefühlsentscheidung, beeinflusst von offensichtlichen Lügen und dubiosen Geldgebern.

Man mag erleichtert aufatmen, das dreieinhalbjährige Theater endlich vorbei ist. London hat Europa in Geiselhaft genommen. Es gab kein anderes Thema als den Brexit. Aber man kann (noch) nicht aufatmen, denn das Theater ist noch nicht vorbei. In der EU kommt die Scheidung vor dem Trennungsjahr. Jetzt haben das Vereinigte Königreich und die Europäische Union elf Monate Zeit, um sich auf ein Freihandelsabkommen zu einigen. Bei Londoner Buchmachern dürfte man viel Geld verdienen, wenn man darauf wettet, dass diese Frist eingehalten wird.

Und wenn Großbritannien dann wirklich draußen ist, könnte das Spiel von Neuem beginnen. Dem Land geht es wirtschaftlich schlecht, und es stellt einen Beitrittsantrag... Dabei gibt es natürlich Varianten. Nordirland könnte sich mit der Republik Irland, einem EU-Mitglied, vereinigen. Schottland könnte unabhängig werden und der EU beitreten. Und in Wales bereuen viele schon das Brexit-Votum, weil kaum Jemand dort glaubt, dass die Subventionen aus London so üppig sein werden, wie die aus Brüssel es waren. Die Tür für eine Rückkehr ist offen, und in zehn Jahren könnte das Rest-Königreich wieder vor den Toren Brüssels stehen. Bei den Jüngeren (unter 40-Jährigen) hatten die Brexit-Gegner eine Zweidrittelmehrheit.

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