• Argentinisches Tageblatt

Im Blickfeld: Narren unter sich

Von Stefan Kuhn

Vor einer Woche hat US-Präsident Donald Trump festgestellt, dass er eigentlich Pazifist ist. Im Grunde war er das schon immer, aber wenn man ihn reizt, kann es schon passieren, dass er anderen Ländern mit Vernichtung droht. Donald Trump ist leicht reizbar. Das zeigt sich im weiteren Verlauf der Geschichte.

Na ja, derzeit ist Trump des „endlosen Kriegs“ in Syrien leid und zieht US-Soldaten von dort ab. Darauf hatte der türkische Präsident Tayyip Recep Erdogan nur gewartet. Er startet eine Offensive gegen die syrische Kurdenmiliz YPG, der er Unterstützung der türkischen Terrororganisation PKK vorwirft. Er will auf syrischem Gebiet einen 30 Kilometer breiten Schutzkorridor zur Türkei schaffen. Erdogan mag mit seinem Vorwurf Recht haben, aber die für die Reaktivierung der PKK, wenn man überhaupt davon sprechen kann, hat er selbst gesorgt.

Das ist auch nicht der Punkt. Die YPG hat mit den Hauptteil an der Eindämmung des „Islamischen Staats“ getragen, der sunnitische Islamistenmiliz, die weite Teile des Iraks und Syriens unter Kontrolle gebracht hat. Die YPG war mit den USA verbündet, Trump hat sie verraten und Erdogan ausgeliefert. Das kam in der Heimat nicht gut an. Sogar von den kadavertreuen Trump-Anhängern bei den Evangelikalen kam Kritik. Trump ist Kritik gewohnt, Skrupel, Verbündete im Stich zu lassen, hat er nicht. „ Die Kurden hätten den USA auch nicht „in der Normandie geholfen“. Als US-Amerikaner muss man sich da schon fremdschämen.

Nur gibt es da auch noch ein anderes Problem, das den Erfolg des Kampfes gegen den IS großteils zunichte macht. Die Kurden haben tausende IS-Kämpfer gefangen genommen und in Lagern interniert. Mit dem Vorrücken der Türken sind schon viele dieser Kämpfer in Freiheit. Trump und auch Erdogan werfen den Kurden vor, die Islamisten freigelassen zu haben. Selbst wenn sie das getan hätten, man könnte es ihnen nicht verdenken. Und sei es nur aus Rache am Verrat. Trump beschwichtigt zunächst. Die IS-Terroristen würden nach Europa fliehen, und Engel seien die Kurden auch nicht.

Ganz geheuer ist ihm die Sache aber dann doch nicht. Mit solch einem Shitstorm hat er nicht gerechnet. Wie immer, wenn seine Fähigkeiten in Frage gestellt werden, reagiert er gereizt. Er hält sich nicht nur für einen genialen Strategen und Dealmaker, er betont das auch ständig. In Erdogan hat er allerdings seinen Meister gefunden. Bei Trump hat man immer das Gefühl, seine Prahlerei entspringt einem tiefen Minderwertigkeitskomplex. Der türkische Präsident dagegen glaubt wirklich, er sei der von Allah bestellte osmanische Großsultan. Trump bittet und bettelt, dann droht er der Türkei mit der wirtschaftlichen Vernichtung. „Seien Sie kein Dummkopf“, droht er wenig diplomatisch.

Erdogan blieb zunächst stur, stimmte aber am Donnerstag doch einer fünftägigen Waffenruhe zu. US-Vizepräsident Mike Pence war dafür eigens nach Ankara gereist. Hält diese, könnte Trump den Schaden noch irgendwie begrenzen.

Der US-Truppenabzug hatte nichts mit einer außenpolitischen Strategie Trumps zu tun. Der US-Präsident hat keine, und seit Außenminister Tillerson und Verteidigungsminister Mattis nicht mehr im Boot sind, fehlt jegliche Stimme der Vernunft. Vielleicht verfolgt Trump ja innenpolitische Ziele mit dem Abzug. Zu „America first“ gehört auch, dass sich die USA aus militärischen Konflikten heraushalten. „Die Jungs heimholen“, kommt bei Trumps Wählerschaft gut an. Doch das ist kurzsichtig. „Verrat“ kommt nicht gut an. Und dann ist Nordsyrien auch kein Großeinsatz der US-Truppen. Es handelt sich um rund 1000 Soldaten, die eben auch einen Angriff der Türken auf die Kurden verhindert haben.

Doch auch für Erdogan hätte der Feldzug ein Pyrrhus-Sieg werden können. Die Kurden konnten den Panzern und Bombern der türkischen Armee wenig entgegensetzen. Die Türkei bekäme aber nie eine vollständige Kontrolle über den „Sicherheitskorridor“. Es würde Anschläge auf die Besatzer geben, türkische Soldaten würden sterben, und die reguläre syrische Armee und die russischen Verbündeten hätten mittelfristig kaum akzeptiert, dass die Türkei syrisches Staatsgebiet als Sicherheitszone beansprucht. Das tut sie auch nach der Waffenruhe noch.

Zudem will die türkische Regierung immer noch Millionen in der Türkei gestrandete syrische Flüchtlinge in der Pufferzone anzusiedeln. Das ist keine gute Idee. Sollen sich diese mit den fast 200.000 durch die türkische Offensive geflohenen Bewohnern der Region einigen? Sicherheit wird dieser Korridor nicht bringen. Erdogans Offensive ist eine Kriegserklärung an die Kurden. Und diese werden sich mit Nadelstichen wehren. Es ist utopisch, die rund 800 Kilometer lange syrisch-türkische Grenze überwachen zu können. Im Norden Iraks gibt es eine autonome Kurdenregion, und die 15 Millionen Kurden in der Türkei macht Erdogans Offensive auch nicht zu besseren Türken.

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