• Argentinisches Tageblatt

Im Blickfeld: Doppelt hält nicht immer besser

Von Stefan Kuhn

Nun, immerhin weiß man jetzt zumindest im Groben, wie es mit der SPD weitergeht. Genaues weiß man natürlich nicht, aber vielleicht ist das auch besser für die Partei. Klar ist, dass die Sozialdemokraten im Dezember eine neue Vorsitzende oder einen neuen Vorsitzenden oder zwei neue Parteichefinnen, bzw. zwei neue Parteichefs oder eine Parteichefin und einen Parteichef haben. Wer sich auf dieses Himmelfahrtskommando einlässt ist noch nicht klar. Zum Einen ist es derzeit nicht gerade der beliebteste Job der Republik, zum Anderen könnte der- oder diejenige, der/die seinen/ihren Hut zuerst in den Ring wirft, ziemlich schnell verbrannt sein.

Die kommissarische Parteiführung aus Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel hat ausdrücklich auch Teams zur Kandidatur aufgerufen, es kann im Dezember also auch eine Doppelspitze geben. Neu ist das nicht, die Sozialdemokraten hatten bis Ende des zweiten Weltkriegs eine Doppelspitze. Der langjährige Parteichef August Bebel etwa führte die Partei zunächst mit Paul Singer und später mit Hugo Haase. Friedrich Ebert hatte zunächst Haase und später Philipp Scheidemann an seiner Seite. Der mehrmalige Reichskanzler Hermann Müller war zusammen mit Otto Wels und Arthur Crispien Teil einer Dreierspitze. Böse ausgedrückt hat sich das Führerprinzip in der SPD erst nach dem 2. Weltkrieg durchgesetzt.

Die Doppelspitze als Führungsmodell haben die Grünen in Mode gebracht. Das hatte durchaus seinen Sinn: Meist waren beide Geschlechter repräsentiert und bis vor Kurzem auch beide Parteiflügel. Erst mit Annalena Baerbock und Robert Habeck haben die Grünen zwei Vorsitzende aus dem Realo-Flügel. Bis zur Wiedervereinigung hatten die Grünen sogar ein Führungstrio.

Das grüne Modell hat Schule gemacht. Die Linke hat ebenfalls eine Doppelspitze, ebenso die rechtspopulistische AfD. Wie die Grünen haben Linke und AfD auch eine Doppelspitze in ihren Bundestagsfraktionen. Bei der Linken, die 2007 aus der SED-Nachfolgepartei PDS und der westdeutschen SPD-Abspaltung WASG (Wahlalternative soziale Gerechtigkeit) entstanden ist, repräsentiert die Doppelspitze den Osten und den Westen Deutschlands. Die ersten Vorsitzenden waren der frühere SPD-Chef Oskar Lafontaine und der PDS-Chef Lothar Bisky. Seit 2010 gilt die Formel Ost/West und Mann/Frau. Bei der AfD herrscht noch etwas Durcheinander. Die derzeitigen Vorsitzenden sind Alexander Gauland und Jörg Meuthen.

Bei den Grünen funktioniert die Doppelspitze, wenn auch nicht immer. So weiß schon fast keiner mehr, dass die Partei bis 2017 neben Cem Özdemir auch von Simone Peter geführt wurde. Bei der Linken sind das die Ostdeutsche Katja Kipping und der Schwabe Bernd Riexinger. Deren Bekanntheitsgrad dürfte auch in Deutschland seine Grenzen haben, obwohl beide schon seit sieben Jahren im Amt sind und die Linke im Bundestag vertreten ist. Bei der AfD ist Gauland bekannter als Meuthen. Das liegt allerdings daran, dass er neben Alice Weidel auch AfD-Fraktionschef im Bundestag ist. Oppositionsführer könnte man sagen, denn die Partei ist vor der FDP, der Linken und den Grünen stärkste Oppositionskraft im Parlament.

Bei einer Doppelspitze kommt es einerseits auf die Persönlichkeiten an und dann auch auf die anderen Funktionen der Parteichefs. Bei den Grünen ist das einfach, es gibt immer noch eine Trennung von Amt und Mandat. Das heißt, weder Baerbock noch Habeck dürfen neben dem Parteivorsitz ein Ministeramt ausüben oder im Parlament sitzen. Das ist ein Relikt aus der grünen Gründerzeit. Habeck musste für den Grünen-Vorsitz sein Ministeramt in Schleswig-Holstein aufgeben. Das könnte kein schlechter Tausch gewesen sein. Nach den derzeitigen Umfragen wird er schon als neuer Bundeskanzler gehandelt.

Die Erfahrungen der SPD mit der Doppelspitze liegen geschichtlich weiter zurück. Aber auch hier geht es um Persönlichkeit, Ämter und Funktionen. August Bebel, der die Partei über zwei Jahrzehnte hinweg führte, erwarb sich weit über Deutschland hinaus Anerkennung. Er wurde als Vater der Partei verehrt und selbst von seinen Gegnern respektiert. Nach ihm drang nur noch Willy Brand in diese Sphären vor. Doch kaum Jemand weiß, dass der deutsch-jüdische Fabrikant und Sozialreformer Paul Singer so lang wie Bebel an der Spitze war. Singer war von 1890 bis zu seinem Tod 1911 Parteichef. Bebel von 1892 bis zu seinem Tod 1913.

Singers Nachfolger Hugo Haase war bis 1916 mit an der Parteispitze. Auch er verblasst neben Bebel und Friedrich Ebert. Haase erwarb sich zumindest einen historischen Bekanntheitsgrad, weil er 1916 aus der Partei ausgeschlossen wurde und die Parteiabspaltung USPD mitgründete. Halbwegs ebenbürtig waren vielleicht Ebert und Scheidemann, der eine wurde in der ersten deutschen Republik Reichspräsident, der andere Reichskanzler. Das Duo führte die SPD allerdings nur von 1917 bis 1919, und die prägende Figur der Partei war trotz allem Friedrich Ebert.

Überträgt man das auf die heutigen Probleme, müsste in der SPD Ernüchterung aufkommen. Es fehlt an Persönlichkeiten, und Parteimitglieder in herausragenden Funktionen fallen schon allein deshalb aus, weil sie Teil des Problems sind, Teil der ungeliebten GroKo oder deren Unterstützer. Dies führt bei der Diskussion über die künftige Parteiführung zu den skurrilsten Konstellationen. Eine davon ist eine Doppelspitze mit der 76-jährigen Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan und dem nicht ganz 30-jährigen Juso-Chef Kevin Kühnert. Dass dies nicht unvorstellbar ist, zeigt, wie schlecht es der SPD geht.

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