• Argentinisches Tageblatt

Im Blickfeld: Boris der Allerletzte

Von Stefan Kuhn

Boris Johnson. (Foto Wikipedia)

Jetzt ist der böse Boris in Großbritannien an der Macht. Manche meinen ja, es wird nicht so schlimm werden, andere wiederum sind der Ansicht, dass es viel schlimmer als befürchtet werden wird. Tatsache ist, Politiker wie Boris Johnson sind im Trend: Donald Trump in den USA, Victor Orban in Ungarn, Rodrigo Duterte auf den Philippinen oder Jair Bolsonaro in Brasilien. Politiker, die alle demokratisch gewählt wurden, aber von der Demokratie nicht sonderlich viel halten. Politiker, die politische Gegner diffamieren und ein zwiespältiges Verhältnis zur Wahrheit haben. Manche von ihnen, vor allem Trump und Johnson, sind notorische Lügner.

Die beiden ähneln sich überhaupt. Beide kommen aus der Oberschicht, beide sind in New York geboren, haben eine seltsame Haartracht und sind sehr von sich überzeugt. Boris Johnson wird in den Medien auch gern als „britischer Trump“ bezeichnet. Der Original-Donald findet das natürlich famos und glaubt, dass er im Vereinigten Königreich außerordentlich beliebt sei. Man wird den US-Präsidenten kaum davon überzeugen können, dass dies nicht der Fall ist. Die Ähnlichkeit ist auch nicht sehr schmeichelhaft. Beides sind Instinktpolitiker, haben selten einen Plan, sie reagieren mehr als sie agieren. Wobei Johnson etwas flexibler ist. Er ändert seine Meinung, wenn er feststellt, dass ihm das Nachteile bringt. Der frühere britische Vizepremier Nick Clegg hat Johnson als „Trump mit Wörterbuch“ bezeichnet. Aber der neue Premier des Vereinigten Königreichs kann sich nicht nur besser ausdrücken als der Hotelbesitzer aus New York. Er hat Humor und ist wesentlich sympathischer. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ widmete Boris Johnson die Titelgeschichte der jüngsten Ausgabe. Der Artikel endet mit dem bezeichnenden Sätzen: „Mag sein, dass die Briten mit ihm ein Debakel erleben. Aber sie werden dann wenigstens in allerbester Stimmung sein.“

Humor ist eine angenehme Seite bei Menschen. Bei Politikern muss man allerdings etwas vorsichtig sein. Die Frage, ob das jetzt Ernst oder Spaß ist, sollte bei ihnen gar nicht erst aufkommen. Ist es Ernst oder Spaß, dass Johnson das Brexit-Abkommen mit der EU für einen Klacks hält? Dass er in wenigen Wochen das lösen will, was Theresa May in drei Jahren nicht gelungen ist? Wenn das kein Galgenhumor ist, dann grenzenlose Selbstüberschätzung. Dass Brüssel ausgerechnet Boris Johnson entgegenkommt, dem Boulevard-Journalisten, der als Europakorrespondent in Brüssel mit meist erfundenen Geschichten Anti-EU-Stimmung schaffte und sich als Politiker mit kruden Lügen an die Spitze der Brexiteers stellte. Dass das Königreich wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU überweist, die besser in das britische Gesundheitssystem investiert werden sollten, war wohl die absurdeste. Es gibt Menschen auf der Insel, die das immer noch glauben.

Johnson ist jedenfalls am Ziel seiner Träume, dass es jetzt nur noch abwärts gehen kann scheint ihn nicht zu kümmern. Auf dieses Ziel hat er konsequent hingearbeitet. Dies vor allem in den letzten beiden Jahren, in denen er die Arbeit der Premierministerin Theresa May torpedierte wo konnte. Johnson kommt aus einer Politikerfamilie. Sein Vater war, eine Ironie der Geschichte, Abgeordneter im Europaparlament. Sein Urgroßvater Ali Kemal letzter Innenminister des Osmanischen Reiches. Ali Kemal überlebte den Posten nicht, sein Sohn Osman Ali floh nach England und nannte sich dort Wilfred Johnson. Boris hat, noch eine Parallele zu Trump, auch deutsche Vorfahren. Sie führen bis ins württembergische Königshaus. Johnsons vollständiger Name ist Alexander Boris de Pfeffel Johnson. Die Pfeffels waren bayerische Freiherren.

Nach der Jahrtausendwende versuchte sich der 1964 geborene Boris Johnson in der Politik. Er engagierte sich bei den Tories, galt 2007 als Mitglied im Schattenkabinett der Konservativen. Im selben Jahr entschloss er sich, bei den den Bürgermeisterwahlen in London gegen den Labour-Platzhirsch Ken Livingstone anzutreten. Boris schlug den „Roten Ken“ im roten London. Der Mythos Boris Johnson war geboren. Da war Jemand, der das Unmögliche möglich macht. Politische Analysen minimieren die Erfolge Johnsons, aber der exzentrische Konservative stand immerhin acht Jahre an der Spitze der britischen Hauptstadt. Inzwischen ist London wieder in Labour-Hand, aber es scheint, als ob die Britinnen und Briten Boris Johnson zutrauen, das Königreich schadlos aus der EU zu führen.

Das tun sie natürlich nicht. Boris Johnson hat quantitativ betrachtet unter all den Populisten an der Macht die geringste Legitimation. Genau 92.153 der rund 160.000 Mitglieder der Konservativen Partei haben Johnson zum Vorsitzenden und damit zum Premierminister gekürt. Das sind 0,2 Prozent der Wahlberechtigten des Vereinigten Königreichs. „Eine deutliche Mehrheit der Briten misstraut dieser Bühnenfigur, die so oft wie ein Falstaff des 21. Jahrhunderts wirkt: großmäulig, eitel, raufsüchtig und zaudernd - aber eben auch so gewitzt und eloquent, dass viele sich seiner Verführungskunst nur schwer entziehen können“, schreibt „Der Spiegel“. Aber eine deutliche Mehrheit der Tories glaubt, dass Johnson einen Wahlsieg des Labour-Chefs Jeremy Corbyn verhindern und die neugegründete Brexit-Partei von Nigel Farage klein halten kann. Wie Jeder verdient er eine Chance. Für die Queen ist Johnson der 14. Premier ihrer Regentschaft. Dass die 93-jährige Elizabeth II. auch Nummer 15 ernennen wird, wäre keine Überraschung.

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