• Argentinisches Tageblatt

„Es ist Zeit, zu widersprechen“

Actualizado: 16 de abr de 2019

Tina Gerhäusser, Sonja Eismann und Julia Korbik über Feminismus und die Veranstaltung „Asamblea de las mujeres“

Das Gespräch führte Kim Radestock

Tina Gerhäusser.

Wie hat euch die Veranstaltung gefallen?

Gerhäusser: Ich fand es toll, so viele junge Frauen zu sehen. Das hätte ich nicht erwartet.

Eismann: Ich fand es wiederum toll, dass so viele ältere Frauen, auch Integrationsfiguren, da waren.

Korbik: Die Veranstaltung wäre so in Berlin nicht möglich gewesen. Da gäbe es Streit, würde man solch eine Frauenkonferenz machen. Die Argentinierinnen sind echt „on fire“. Das fand ich beeindruckend.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Frauenbewegung in Argentinien und Deutschland?

Eismann: Zwar gibt es in Argentinien auch Differenzen, aber mit dem Kampf um legale Abtreibung hat man ein vereinigendes Moment. Im Unterschied dazu, geht es in Deutschland um sexualisierte Gewalt, Lohngleichheit und Rassismus. Es lässt sich aber nicht auf eine Formel herunter brechen.

Gerhäusser: Das ist wie in Deutschland in den 70er Jahren. Zwar gibt es noch andere Ziele, aber das ist wirklich das, was sie einreißen wollen.

Korbik: Es ist ein Thema, das Frauen direkt berührt. Alle haben einen Bezug dazu.


Warum sind die deutschen Frauen weniger aktiv?

Gerhäusser: Gerade wenn es um das Thema Gehalt geht, sind viele Frauen unzufrieden. Es sind immer noch männliche Strukturen, die dazu führen, dass es selbstverständlich ist Frauen erstmal weniger Geld zu geben. Es ist aber mehr ein einzelner Kampf.

Eismann: Es gibt diesen Diskurs, dass die Gleichberechtigung in Deutschland schon erreicht ist. Das hat einen pazifierenden Effekt. Viele Frauen denken, sie hätten die gleichen Rechte und müssten nicht auf die Straße gehen. Außerdem gibt es in Südamerika ein stärkeres Bewusstsein des Machismo.

Korbik: Natürlich ist ein gewisses Niveau der Gleichberechtigung erreicht, aber es bleibt einiges zu tun. Bei uns gibt es die Kultur des Ausgleichs: Man setzt sich an einen Tisch und spricht. Die Frauen gehen zwar auch auf die Straße, aber es gibt nicht diese Protestkultur.


Was bedeutet Feminismus, beziehungsweise Feministin zu sein?

Gerhäusser: Ich bin keine Aktivistin, aber das Thema war mir schon immer wichtig. Es ist meine Grundhaltung. Für mich ist das wichtigste, dass man auch mal widerspricht und weiter spricht - ganz egal, gegenüber welchen Hierarchien man sich befindet.

Korbik: Für mich ist Feminismus, dass es politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Geschlechter, nicht nur Männer und Frauen, geben sollte. Feminismus bedeutet, aktiv etwas zu tun und zu hinterfragen. Es sind die Menschen, die die Gesellschaft bilden - und viele kleine Handlungen können etwas verändern.


Es gibt viele, die behaupten Feminist/in zu sein, ohne sich damit auseinanderzusetzen, wie ihr das beispielsweise tut. Ist das ein Problem?

Sonja Eismann.

Eismann: Die Wahlfreiheit - in den 70ern ein wichtiger Slogan - wurde marktförmlich total ausgehölt. Eine typische Aussage ist zum Beispiel: Wenn ich von einem Mann ökonomisch abhängig sein will, ist das auch feministisch. Da besteht natürlich die Frage: Inwieweit sind wir wirklich frei innerhalb unseres Systems, Sachen zu wählen? Man gaukelt sich etwas vor und am Ende zu sagen, es ist selbstgewählt, gibt einem noch weniger die Möglichkeit, dagegen anzukämpfen.


Wird Feminismus noch immer nur als „Frauensache“ angesehen?

Eismann: Viele feministische Männer werden nicht so aktiv, weil sie sich keine Unterdrückung zu eigen machen wollen, die nicht ihre ist. Dann würden sie wieder im Namen der Frauen sprechen und sie verdrängen. Es gilt eine sehr delikate Balance zu finden. Männer müssen anfangen, den gleichen Prozess wie wir Frauen durchzumachen, nämlich ihre eigene Verschlechtlichung zu reflektieren.

Korbik: Es ist wichtig, dass Männer irgendwann auch merken, dass es so nicht die Gesellschaft ist, in der wir leben wollen.

Gerhäusser: Man kann heute auch zeigen, das alle was vom Feminismus haben. Früher gab es das nicht. Da wurde es als Kampf der einen Hälfte der Weltbevölkerung gesehen.


Wird es Zeit für eine Männerbewegung, weil aktuell in der Öffentlichkeit nur Feminismus thematisiert wird?

Eismann: Es ist absurd, so zu tun, als hätte sich die Situation gedreht. Schaut man sich die Zahlen an: Wie viel verdienen Männer, welche Privilegien und Machtpositionen haben sie?, dann ist es mitnichten so, dass Frauen das Ruder an sich gerissen haben.

Korbik: Bei Feminismus geht es auch darum, Geschlechterstereotype aufzubrechen, Geschlecht neu zu denken, Freiheiten zu schaffen und die Person sein zu können, die man sein möchte. Das gilt für Männer wie für Frauen.


Wenn Feminismus für alle ist, warum dann nicht der Begriff „Humanismus“?

Julia Korbik.

Korbik: Hinter dem Begriff Feminismus steckt eine Geschichte, eine Struktur der Ungleichberechtigung. Frauen sind auch heute noch eindeutig benachteiligt.

Gerhäusser: Es ist wichtig, darüber zu sprechen, in welchen historischen Kontexten Frauen wie gehandelt haben. Wenn man das unter einen Begriff fasst, ist das alles verwischt.

Wie kam die MeToo-Debatte bei deutschen Feministinnen an?

Korbik: Einerseits ist es frustrierend, dass wir schon seit Jahrzehnten darüber reden und nichts passiert ist. Es brauchte erst Hollywoodschauspielerinnen und einen einfachen Hashtag, damit alle merken, dass etwas schief läuft. Andererseits finde ich MeToo wichtig.

Eismann: Es muss eine breitere Diskussion geben. Es geht um Belästigung und Machtstrukturen. Das Problem muss strukturell angegangen werden anstatt öffentliche Hinrichtungen durchzuführen, wie bei Kevin Spacey.


Warum ist die MeToo-Bewegung nichts für argentinische Feministinnen?

Eismann: Frauen aus nicht-westlichen Ländern haben die gleichen Anliegen: Sie sind aber genervt, dass ein von ihnen schon lange ausgefochtener Kampf plötzlich ein neues Label bekommt. Es gibt immer die Vorstellung, dass wir alles erfunden hätten. Stattdessen sollten wir uns auch anschauen, was wir zum Beispiel von indigenen Frauen lernen können.

Korbik: Wir in Europa oder den USA denken, dass es sehr universalistisch ist. Das ist es aber nicht. Es gibt einen Hashtag und alle sagen plötzlich: Das seid ihr jetzt.


Welchen Herausforderungen stehen wir in Deutschland noch gegenüber?

Gerhäusser: Dinge, wie die Frauenquote, hätten schon längst umgesetzt werden müssen. Man muss aber noch weiter gehen: Zum Beispiel flexiblere Arbeitsmodelle bieten und die Tatsache abschaffen, dass der Druck in diesen Strukturen immer weiter gegeben wird.

25 vistas

© 2019 Tageblatt - All rights reserved

  • White Twitter Icon
  • White Facebook Icon
  • White Instagram Icon