© 2019 Tageblatt - All rights reserved

  • White Twitter Icon
  • White Facebook Icon
  • White Instagram Icon
  • Argentinisches Tageblatt

Es fehlt ein Konzept für die Armutsproblematik

Von Juan E. Alemann

Mauricio Macri sagte während seiner Wahlkampagne im Jahr 2015, er strebe eine Nullarmut an. Statt dessen ist die Armut gemäß Zahlen des Statistischen Amtes (INDEC) und Berechnungen des Sozialinstitutes der Katholischen Universität von unter 30% auf über 35% der Bevölkerung gestiegen, wobei noch der Umstand hinzukommt, dass der untere Mittelstand als Folge der Tariferhöhung für öffentliche Dienste in vielen Fällen verarmt ist. Doch das ist ein anderes Problem.

Die vielen armen Menschen, denen auch keine echte Hoffnung geboten wird, auf eine höhere soziale Stufe aufzusteigen, die in den Vororten der Bundeshauptstadt, aber auch in denen von Rosario und Córdoba und sonst wo wohnen, haben bei den PASO-Wahlen mehrheitlich gegen Macri gestimmt. Das ist verständlich, obwohl Alberto Fernández auch auf diesem Gebiet nur gute Absichten äußerte, aber keine konkrete Lösung vorlegte.

Die Armut wird rein statistisch auf der Grundlage des Familieneinkommens berechnet. Die Umfragen, die sich auf etwa 10.000 Familien beziehen, werden dann auf das ganze Land hochgerechnet, was rein statistisch bei etwa 10 Mio. Familien, die es im Land gibt, unzulässig ist. Die Fehlerquelle ist enorm, wobei die Erhebung sich auf städtische Gebiete bezieht, aber die Lage auf dem Land ganz anders ist. Abgesehen davon werden Naturaleinkommen nicht berücksichtigt, die vor allem in ländlichen Gegenden sehr wichtig sind. Der Plan Pro Huerta, aus den 90er Jahren, umfasst ca. 600.000 Fälle von Gemüsegärten (oft auch mit Obst, Hühnern. Kaninchen- und Schweinezucht) von Familien, Schulen und Gemeinden, von denen etwa 2 Mio. Menschen einen Teil ihrer Ernährung erhalten. Hinzu kommen viele andere Gemüsegärten, Obstpflanzungen u.s.w., und schließlich kommt noch der Fischfang und die Jagd hinzu.

In anderen Fällen erhalten die Armen Mahlzeiten von ihrem Arbeitgeber, oder die Gemüsehändler geben ihnen das Gemüse, dass nicht mehr gut aussieht, für wenig Geld oder umsonst. Die Wirklichkeit ist vielfältiger, als sie sich aus den kalten INDEC-Zahlen ergibt.

All das hätte die Regierung sagen sollen, um den Fall zu entschärfen. Ohne diese Umstände müsste es auf den Straßen der argentinischen Städte eine große Zahl von Menschen geben, die Haut und Knochen sind und buchstäblich verhungern, wie in Kalkutta. Doch die Bevölkerung sieht allgemein gut ernährt aus, wobei es viele Überernährte und noch mehr falsch ernährte gibt. Aber das ist ein anderes Problem.

All dies bedeutet jedoch nicht, dass es keine Armut gibt. Auch wenn diese nur 20% der Bevölkerung betrifft, stellt sie ein großes Problem dar, das ein Lösungskonzept von der Regierung fordert, das weder Macri noch vorher die Kirchners hatten.

Die Sozialhilfen, mit Subventionen für arme Familien, die unter der Duhalde-Regierung mitten in der tiefen Krise eingeführt und nachher mit kleinen Änderungen beibehalten wurden, stellen eine Notmaßnahme, aber keine Lösung dar. Und auch was die Sozialministerin Carolina Stanley für die Armen getan hat, ist sehr viel, doch im Grunde nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Fangen wir jetzt von vorne an. Der französische Philosoph René Descartes sagte, wenn man vor einem großen Problem stünde, müsse man versuchen, es in kleinere aufzuteilen und dann an jedes unabhängig von den anderen herangehen. Die Armut weist mehrere Erscheinungen auf: ungenügende Ernährung, mangelhafte Gesundheitsbetreuung, keine (bezahlte) Beschäftigung oder nur eine unzureichende, mangelhafte Erziehung, sehr schlechte Wohnungsverhältnisse und meistens auch kein Zugang zu öffentlichen Diensten, oder eben nur beschränkt. Hinzu kommt noch, dass die Familien in vielen Fällen in Gegenden wohnen, die bei Regen überschwemmen oder verseucht sind (wie in der Riachuelo-Gegend).

Beginnen wir mit dem Ernährungsproblem. Argentinien erzeugt nicht nur Lebensmittel im Überfluss, sondern sie werden auch in großen Mengen weggeworfen. Dabei geht es einmal um Obst und Gemüse, das verdirbt, und dann um Konserven u.a. verarbeitete Lebensmittel, die ein Verfalldatum haben. Es sollte durchaus möglich sein, einen Sammeldienst mit Lastwagen zu organisieren und die zahlreichen Essanstalten, die von gemeinnützigen privaten Institutionen betrieben werden, zu versorgen und sie darüber hinaus zu subventionieren. Private gemeinnützige Gruppen befassen sich schon intensiv mit der Sammlung überschüssiger Nahrungsmittel und deren Vergabe an Anstalten, die Mahlzeiten bieten, oder direkt an arme Familien. Diese wertvolle Erfahrung sollte der Staat auch verwenden, eventuell mit Zusammenarbeit. Dabei sollten noch weitere Esszimmer privat oder staatlich eingerichtet werden. Auf diese Weise sollte jeder Mensch, ob alt oder jung, die Möglichkeit haben, mindestens zwei Mal am Tag, und wenn möglich drei Mal, essen zu können und dabei seinen Nahrungsmittelbedarf decken können. Das sollte nicht viel kosten, wobei allerdings mit Fleisch u.a. teuren Nahrungsmittel sparsam umgegangen werden muss. Ohnehin gibt es heute Fleischersatz aus Sojamehl mit anderen Zutaten, der gut schmeckt, das notwendige Protein enthält und viel billiger ist. Macri hätte nicht von Nullarmut, sondern von Nullhunger sprechen müssen. Ersteres ist kaum möglich, während das Zweite relativ einfach ist. Das sollte er jetzt sagen.

Der zweite Aspekt besteht in der Notwendigkeit von zahlreichen ausgebildeten Sozialassistenten, die die Armen betreuen. Von den vielen überflüssigen Staatsangestellten sollten viele auf diesen Dienst übertragen und entsprechend ausgebildet werden. Viele arme Menschen sind krank, gehen aber nicht zum Arzt. Sie müssen dazu bewogen und eventuell begleitet werden. Argentinien hat ein ausgedehntes Netz öffentlicher Hospitäler, die viele Menschen jedoch nicht verwenden, oder nur, wenn es zu spät ist. Beiläufig sollte die Qualität der Hospitaldienste verbessert werden, angefangen mit einem telefonischen Turnus, wie im Deutschen Hospital, den es meistens nicht gibt.

Ebenfalls müssen die Sozialassistenten den Arbeitslosen beistehen, und sie über Arbeitsmöglichkeiten beraten. Dabei geht es bei einer Vorstellung bei einem Unternehmen auch um sehr einfache Dinge: der Bewerber muss sich vorher gewaschen haben und einigermaßen anständig gekleidet sein. Ebenfalls können die Sozialassistenten diese Menschen über Ausbildungsmöglichkeiten (als Mechaniker, Elektriker, Maler, Bauarbeiter, u.s.w.) beraten und ihnen dabei helfen.

Was Wohnung betrifft, so löst der Bau von Sozialwohnungen das Problem nur zum geringsten Teil. Wollte man kurzfristig eine Wohnung für jede arme Familie bauen, wäre der Staat bei Weitem finanziell überfordert, und auch gäbe es keine Kapazität der Bauunternehmen für einen so umfangreichen Bau. Was den Bau von Sozialwohnungen betrifft, so muss erreicht werden, das mit den vorhandenen Mitteln mehr Wohnungen gebaut werden. Das kann u.a erreicht werden, indem die letzte Etappe, mit Verputz, Anstreichen u.s.w., dem Empfänger der Sozialwohnungen überlassen wird. So etwas wurde schon 1967 und danach erfolgreich vollzogen.

Doch unmittelbar sollten den armen Familien Baumaterialien geschenkt werden, damit sie ihre Wohnungen verbessern können. Viele brauchen ein gutes Dach, oder Wände oder einfach Zement für einen Boden oder sonst was. Das sollte nicht so teuer sein, muss aber von den Sozialassistenten kontrolliert werden.

Mit diesen Grundgedanken und eventuell noch einigen mehr lässt sich ein finanzierbares Programm für die Überwindung der Armut aufstellen. Präsident Macri sollte dies schon jetzt als wesentlicher Teil seiner zweiten Regierungperiode aufstellen, und Alberto Fernández auch bei seiner ersten. Allein, ob sie sich überhaupt bewusst sind, um was es geht, ist fraglich.