• Argentinisches Tageblatt

Die Woche in Argentinien

(Vom 27.9. bis 4.10.)

Armut nimmt zu

Die Armut erfasst immer weitere Kreise. Wie die Statistikbehörde Indec am Montag mitteilte, lebten am Ende der ersten Hälfte dieses Jahres 35,4 Prozent der Menschen im Land unterhalb der Armutsgrenze. In absoluten Zahlen ausgedrückt waren dies 14,4 Millionen Personen. Die Zunahme gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs beträgt 8,1 Prozentpunkte. Die von der Behörde erhobenen Daten beziehen sich auf die Bevölkerung in 31 urbanen Zentren, gelten aber als repräsentativ für das ganze Land. Gründe für die Entwicklung sind die galoppierende Inflation, deren Rate bei mehr als 50 Prozent liegt, die Prekarisierung des Arbeitsmarkts sowie ein heftiger Kaufkraftverlust. Der Kampf gegen die Armut war eines der wichtigsten Wahlversprechen von Präsident Mauricio Macri. Doch dem als marktfreundlich geltenden Staatschef ist es nicht gelungen, die wirtschaftliche Lage für große Teile der Bevölkerung spürbar zu verbessern.


Arme Kinder

Besonders besorgniserregend ist die Armut unter den Kindern. Laut den Indec-Zahlen sind landesweit 52,6 Prozent aller Personen unter 14 Jahren von Armut betroffen. In absoluten Zahlen: Von insgesamt 9,5 Millionen Kindern lebten am Ende der ersten Hälfte dieses Jahres 5 Millionen in Haushalten, die als arm gelten. Eine Million mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. 1,2 Millionen Kinder (13,1 Prozent) befanden sich sogar in extremer Armut. In letztere Kategorie fallen Familien, die nicht über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, um die Nahrungsmittel des täglichen Bedarfs zu erwerben. Durchschnittlich verfügen solche Familien gerade über 7733 Pesos pro Monat. Für die Deckung des Minimalbedarfs eines vierköpfigen Haushalts werden indes mindestens 12.246 Pesos veranschlagt.


Friedhof geschändet

Am Vorabend des jüdischen Neujahrsfestes Rosch ha-Schana haben bislang unbekannte Täter den jüdischen Friedhof in La Tablada (Provinz Buenos Aires) geschändet. Sie rissen eine Mauer nieder, beschädigten Gräber und entwendeten Bronzeplaketten. Vertreter der jüdischen Gemeinschaft sowie des Staates verurteilten die vor wenigen Tagen verübte Tat auf Schärfste. Claudio Avruj, der Staatssekretär für Menschenrechtsangelegenheiten, sprach von einem „Akt des Vandalismus“. Er sprach den Betroffenen sein Mitgefühl aus. Ariel Eichbaum, der Vorsitzende des jüdischen Sozialwerks AMIA, sprach von „tiefer Trauer und Fassungslosigkeit“ angesichts von Gewalttaten an einem heiligen Ort zu einem der wichtigsten religiösen Feste des Jahres. Eichbaum forderte von der Provinzregierung eine umgehende Wiederherstellung der Bewachung des Areals. Die Verwaltung hatte nur 24 Stunden vor der Tat bekanntgegeben, den Wachdienst zurückzufahren.


Bürgermeister angegriffen

Der Bürgermeister von Paraná, Sergio Varisco, ist am Dienstag auf offener Straße von drei Personen zusammengeschlagen worden. Der Politiker erlitt dabei einen Hüftbruch und musste ins Krankenhaus „San Martín“ überführt werden. Die Tat ereignete sich gegen 16 Uhr auf der Straße Pellegrini vor dem Haus von Variscos Mutter. Die Polizei nahm drei Tatverdächtige fest. Es wird derzeit ermittelt, ob die Attacke einen politischen Hintergrund hat, oder ob es sich um einen Fall von Straßenkriminalität handelt. Auch ansonsten liefen die Dinge für Varisco, der der Radikalen Bürgerunion angehört, zuletzt nicht gut. Im Juni dieses Jahres verlor er die Wahlen, sodass er am 10. Dezember das Amt des Bürgermeisters der Provinzhauptstadt von Entre Ríos abtreten muss. Gegen Varisco läuft derzeit zudem ein Gerichtsverfahren wegen des Verdachts, eine Drogenhändlerbande finanziert zu haben.


„Nichtmenschliche Person“

Ein Orang-Utan-Weibchen ist auf Verlangen der argentinischen Justiz aus dem ehemaligen Zoo von Buenos Aires in eine Auffangstation für Menschenaffen in den USA verlegt worden. Der 1986 im Rostocker Zoo geborenen „Sandra“ wurden die Rechte einer „nichtmenschlichen Person“ zugesprochen, deshalb sei ihre Freilassung zwingend. Das Tier wurde vor wenigen Tagen per Direktflug nach Dallas gebracht - allerdings nicht als Passagier, sondern im Frachtraum, wie Anwalt Andrés Gil Domínguez erklärte. Da die 53 Kilogramm schwere Menschenäffin nicht imstande ist, sich dem Leben in der Wildnis anzupassen, soll sie zukünftig im Freigehege des Center for Great Apes in Florida leben. Dort sind bereits 21 weitere Orang-Utans und 31 Schimpansen untergebracht, unter ihnen „Bubbles“, ehemals Haustier von Popstar Michael Jackson. „Sandra“ verbrachte nach ihrer Geburt in Rostock einige Jahre im ehemaligen Ruhr-Zoo in Gelsenkirchen, bevor sie 1995 nach Buenos Aires verlegt wurde. Der 2014 von Tierschützern angestrengte Prozess um „Sandras“ Grundrechte hat mit dazu beigetragen, dass der Zoo von Buenos Aires in einen Ökopark umgewandelt wird. Bis 2023 soll dort eine Forschungs- und Bildungsstätte zum Erhalt der Artenvielfalt entstehen. (AT/mc)

0 vistas

© 2019 Tageblatt - All rights reserved

  • White Twitter Icon
  • White Facebook Icon
  • White Instagram Icon