• Argentinisches Tageblatt

Die wirklichkeitsfremde Inflationsdiskussion

Von Juan E. Alemann

Die Inflation, die als allgemeine und dauerhafte Preiszunahme definiert wird, hat Ursachen, die den Wirtschaftern bekannt sind. Einmal handelt es sich um ein monetäres Phänomen, und dann um ein Kostenproblem. Im heutigen Argentinien werden die Preise kaum durch einen Geldüberhang in die Höhe getrieben, sondern konkret durch Abwertung und Abwertungserwartungen, Zunahme der Tarife öffentlicher Dienste und Lohnerhöhungen, die nicht durch geringere Gewinne oder Produktivitätszunahmen ausgeglichen werden. Die Änderung der relativen Preise, die durch eine Abwertung herbeigeführt wird, die über der internen Inflation liegt, und auch durch Tariferhöhungen, die auch höher als die allgemeine Inflation sind, treibt das allgemeine Preisgefüge nach oben, und wenn die Bereiche, die dabei verlieren, den Verlust aufholen wollen, dann steigt die Inflationsrate noch mehr.

Demgegenüber besteht die populäre Auffassung, dass die Preise steigen, weil die Unternehmen, die die Produkte erzeugen und vermarkten, zu viel gewinnen wollen. Dabei werden als erstes die großen Supermarktketten an den Pranger gestellt, ohne überhaupt bemerkt zu haben, dass Carrefour und die Cencosud-Gruppe (Jumbo, Disco, VEA u.a.) Verlustbilanzen und geringere reale Umsätze aufweisen.

Halten wir zunächst fest, dass die großen Supermärkte, zu denen noch Coto und Walmart hinzukommen, keine Monopolstellung und auch keine dominierende Marktposition haben. Bei Lebensmitteln u.a Produkten des täglichen Konsums haben sie (ohne die Grossistensupermärkte) eine landesweite Beteiligung am Gesamtkonsum von etwa 20%. Der Einzelhandel ist sehr verzettelt. Es gibt unzählige Selbstbedienungsläden, die nicht anders als die der großen Supermärkte sind. Viele davon werden von Chinesen und Koreanern als Familienbetriebe betrieben, so dass sie geringere Soziallasten haben und eventuell auch längere Bedienungszeiten ohne den Zusatz für Überstunden. Ebenfalls nehmen es viele mit den Steuern nicht so genau. All das schafft ihnen Konkurrenzvorteile. Das Bestehen von Grossistensupermärkten (Macro, Maxiconsumo u.a.) erlaubt dem unabhängigen Einzelhandel, die Produkte zu niedrigen Preisen zu erwerben. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den früheren Kolonialwarenläden (“almacenes”), die von Großunternehmen, seien es Fabrikanten oder Grossisten beliefert wurden, die die Preise einseitig festsetzten und ihnen auch schwer verkäufliche Waren aufzwangen.

Hinzu kommen noch unzählige Einzelhandelsgeschäfte, die im Fall von Obst und Gemüse oft niedrigere Preise als die großen Supermärkte haben. Dann kommt noch der Zentralmarkt von Buenos Aires hinzu, an der Ausfahrtstraße von Ezeiza, der vor allem frische Lebensmittel viel billiger als die Supermärkte und der unabhängige Einzelhandel verkauft. Und schließlich gibt es auch wöchentliche Straßenmärkte, die auch billig verkaufen. Und im Landesinneren gibt es auch überall Straßenmärkte.

Der Konsument hat allgemein die Möglichkeit, sich zu günstigen Preisen zu versorgen, auch indem er die ständigen Offerten der Supermärkte nutzt, mit Mengenrabatten oder anderen Offerten zu günstigen Preisen. Ebenfalls werden in den Supermärkten und Selbstbedienungsläden analoge Produkte zu unterschiedlichen Preisen angeboten, wobei die Qualitätsdifferenz minimal ist oder überhaupt nicht besteht. Doch die Markenpropaganda hat eine starke Wirkung, allerdings jetzt (wie es der Konsumexperte Guillermo Olivetto feststellt) eine viel geringere. Die Arbeit des Konsumenten, um sich preisgünstig zu versorgen, kann ihm der Staat nicht abnehmen. Eine Familie, die sich um das Thema intensiv kümmert und rationell handelt, kann ohne Weiteres über 20% sparen, ohne ihren Konsum zu verringern.

Bei dieser vielfältigen und komplexen Lage spielen die “gepflegten Preise” und auch die “eingefrorenen Preise” eine minimale Rolle. Im Grunde führen sie nur dazu, die Supermärkte attraktiver zu machen, wobei davon ausgegangen wird, dass der Käufer dann auch andere Waren bezieht, umso mehr als die Supermärkte es verstehen, Waren für den Käufer anziehend zu zeigen.

Dennoch bestehen viele Politiker auf einer Preiseinfrierung als effektives Mittel der Inflationsbekämpfung. Tatsache ist, dass diese Methode kurzfristig wirksam sein kann. Allerdings gab es in den Fällen, in denen zunächst ein Erfolg erzielt wurde, einen Trick: auch die Löhne wurden eingefroren, und meistens auch der Wechselkurs und die Tarife. So gelang es 1973 dem damaligen Wirtschaftsminister José Ber Gelbard unter den Regierungen von Cámpora, Perón und Isabel Perón, die Inflation stark zu senken. Das ging am Anfang gut, dann nicht mehr so sehr, weil auch eine expansive Geldpolitik betrieben wurde, und schließlich kam es Mitte 1975 zu einer Explosion, als “Rodrigazo” bekannt, weil der Minister Celestino Rodrigo stark abwerten musste, weil der Wechselkurs stark zurückgeblieben war. Auch bei anderen Stabilisierungen waren die Lohneinfrierung und ein stabiler Wechselkurs die zentralen Elemente. So war es 1952 unter Perón, mit Alfredo Gomez Morales als Wirtschaftsminister und 1967 unter Onganía als Präsident und Adalbert Krieger Vasena als Minister. Allein, von einer gleichzeitigen Einfrierung von Preisen und Löhnen spricht jetzt niemand. Ohnehin ist so etwas nur bei einer starken Regierung möglich, wie die von Perón und auch die von Onganía, die eine Diktatur ohne Parlament war. Heute würden die Gewerkschaften sofort einen Generalstreik verfügen, und es gäbe wohl noch mehr Krawall im Stadtzentrum. Und Macri würde dabei die Wahlen ganz sicher verlieren.

Die Inflationsbekämpfung, die sich die Regierung jetzt als erstes Ziel gesetzt hat, stützt sich an erster Stelle auf den kontrollierten Wechselkurs, der nicht stark schwanken und unter der Inflation steigen soll. Rein technisch sollte dies ohne große Schwierigkeiten möglich sein. Die Gefahr eines neuen Defaults, die gelegentlich in dramatischer Form dargestellt wird, ist rein objektiv nicht gegeben. Wenn man von der argentinischen Staatsschuld die innerstaatliche Verschuldung abzieht (die automatisch erneuert wird) und auch die Schuld gegenüber dem IWF (der stets verhandlungsbereit ist, und bestimmt keinen Default herbeiführen wird), dann sinkt die Gesamtschuld auf unter die Hälfte. Und wenn man noch langfristige Kredite der Weltbank, der Interamerikanischen Entwicklungsbank, der Andenkörperschaft, von chinesischen Banken u.a. abzieht, dann verbleibt von der Schuld etwa ein Drittel, das bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt keine 30% ausmacht und international als “gering” eingestuft wird.

Die Angst vor einem finanziellen Zusammenbruch beruht nicht auf einer wirtschaftlichen Analyse, sondern auf der Möglichkeit einer nächsten Regierung, konkret eine von Cristina Kirchner, die keinen Zahlungswillen hat oder eine so verfahrene Lage schafft, dass sie nicht zahlen kann. Allein die Präsenz von Cristina fügt Macri jetzt einen großen politischen Schaden zu. Würde sie auf ihre Präsidentschaftskandidatur verzichten, dann wäre die Lage mit einem anderen Kandidaten anders, und es ginge dann Macri wirtschaftlich und politisch bestimmt sofort besser. Macri und auch andere Kandidaten müssten Cristina versprechen, dass die zahlreichen Prozesse gegen sie, von denen einige sehr böse sind, abgebrochen werden. Aber das ist nicht möglich, weil es sich um eine Angelegenheit der Justiz handelt. Ein Präsident könnte höchstens eine Begnadigung nach einem Urteil verfügen. Aber das dürfte für Cristina nicht genügen, wobei in der Politik Versprechen ohnehin eine relative Bedeutung haben.

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