• Argentinisches Tageblatt

Die Veränderung der Konsumstruktur

Von Juan E. Alemann

Die tiefe und seit über anderthalb Jahren andauernde Rezession, nach der das Volkseinkommen pro Kopf jetzt niedriger als 2011 ist, hat zu bedeutenden Änderungen der Konsumgepflogenheiten geführt. Wie es der Konsumexperte Guillermo Olivetto sagt (“La Nación” vom 30.12.19), ist die “low cost-Konsumkultur” gekommen, um zu verbleiben. Die Konsumenten sind stark auf billigere Produkte und zweite Marken übergegangen (die auch qualitativ verbessert wurden).

Der Anteil des Familieneinkommens, der für öffentliche Dienste eingesetzt wird, beträgt laut INDEC 11,6%, während es vor 2016 nicht einmal die Hälfte war. Jetzt soll der Anteil infolge der Einfrierung der Tarife wieder abnehmen, aber eine Rückkehr zu 2015 ist nicht zu erwarten, einmal weil die Staatsfinanzen die hohen Subventionen, die dabei entstehen, nicht verkraften können, und dann, weil es auch für Alberto Fernández und seine Ökonomen absurd ist, dass es keine angemessenen Preise für diese Dienste gibt. Wie weit diese die Kosten decken, wird dann an zweiter Stelle diskutiert, wobei Präsident Fernández will, dass sich auch die Tarifpolitik an das Prinzip hält, dass die Armen weniger und die Reichen mehr zahlen. Das bedeutet bei Strom und Gas eine stärkere Progression.

Die letzte Umfrage bei Haushalten des INDEC, vom November 2019, ergibt, dass der Konsum von Nahrungsmitteln und nicht-alkoholischen Getränken von 28,8% der Gesamtausgaben der Haushalte in der Periode 1995/97 auf jetzt 22,6% gefallen ist. Die 6,2 Prozentpunkte, die die Differenz ausmachen, entfallen auf Transportausgaben und Fernverbindungen, die von 2,6% auf 5,2% des Familieneinkommens gestiegen sind. Die bedeutende Zunahme der Zahl der Automobile und Motorräder, die Zunahme der Flugreisenden, und die massive Verwendung von Mobiltelefonen, plus Internet, haben zu neue Ausgaben geführt, die auf Kosten traditioneller Ausgaben gingen.

Doch abgesehen von dieser strukturellen Veränderung, die nicht nur den Konsum, sondern die Lebensgewohnheiten überhaupt tiefgreifend verändert haben, setzten auch andere Veränderungen ein. So tragen Männer kaum noch Anzüge und Krawatten, sondern sie kleiden sich eher sportlich. Und Frauen tragen kaum noch Kleider, sondern Hosen.

Auch die Ernährungsgewohnheiten haben sich stark verändert. Der Rindfleischkonsum ist von traditionell etwa 80 kg pro Kopf auf jetzt 50 kg gefallen, und die Differenz ist durch Schweinefleisch und Geflügel ausgeglichen worden. Beim Wein ging der Konsum von bis zu 85 Liter jährlich pro Kopf auf unter 25 Liter zurück, was durch höheren Konsum von Bier und alkoholfreien Getränken ausgeglichen wurde. Gesamthaft werden weniger alkoholische Getränke konsumiert. Auch wird weniger geraucht, wie aus dem niedrigeren Pro-Kopf-Konsum von Zigaretten hervorgeht. Das sind positive Veränderungen.

Hier sei noch erwähnt, dass die Ausgaben für Gesundheitsbetreuung gesamthaft, absolut und im Verhältnis zum BIP, stark gestiegen sind. Das hängt auch mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung zusammen, die auch den Konsum strukturell verändert, weil ältere Menschen mehr für Medikamente und weniger für andere Ausgaben einsetzen.

Die Änderung des Konsums hat schon lange vor der gegenwärtigen Krise eingesetzt. Zum großen Teil ist dies eine direkte Folge der technologischen Revolution. Das Mobiltelefon, der persönliche Computer (PC) und das Internet gehören zu unserem täglichen Leben, haben unsere Arbeit und auch die Beziehungen unter den Menschen grundlegend verändert. Die Arbeit hat sich dabei in ihrer Art in immer mehr Fällen ganz verändert, und auch das wirkt sich auf den Konsum aus. Die vielen Einzelhandelsgeschäfte, die Mahlzeiten verkaufen, und die Lieferungsdienste gehören auch zu diesen Änderungen.

Zu den Änderungen kommt noch hinzu, dass weniger Zeitungen und Zeitschriften gelesen werden, weil das Fernsehen diesen Konsum weitgehend verdrängt hat. In Argentinien ist die effektiv verkaufte Gesamtauflage von Zeitungen und Zeitschriften seit dem Jahr 2000 auf weniger als die Hälfte geschrumpft.

Der oben genannte Olivetto weist darauf hin, dass wir in ein Zeitalter der Beschleunigung geraten sind. Das beziehe sich auf den technologischen Wandel, die zunehmende Globalisierung und die beängstigende Beschleunigung des Klimawandels.

Bisher wurde der Klimawandel nicht ernst genommen. Doch jetzt, nachdem große Stürme mit starken Winden, heftige Regenfälle und Überschwemmungen auf der einen Seite, und Dürren und auch große Brände auf der anderen zunehmen und ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht haben, und die Gefahr einer Zunahme des Meeresspiegels bis zu 5 Metern besteht (bei der die meisten Küstenstädte verschwinden), wird das Thema zunehmend ernst genommen. Das bedeutet nicht nur tiefgreifende Änderungen bei der Energieversorgung und verwendung (an erster Stelle totaler Ausschluss von Kohle), sondern es kostet Wohlstand und fordert eine tiefgreifende Änderung der Konsumgewohnheiten. Auch auf dies müssen wir uns in Argentinien gefasst machen. Denn der Planet Erde ist eine Einheit, und die Tatsache, dass wir weit entfernt von den Ländern leben, die die Umweltverschmutzung zu 90% verursachen, schützt uns nicht vor der bevorstehenden Katastrophe, die eintritt, wenn nicht wirklich sehr viel getan wird, um diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen.

© 2019 Tageblatt - All rights reserved

  • White Twitter Icon
  • White Facebook Icon
  • White Instagram Icon