„Die Täter waren willkommen, ihre Opfer nicht“

Gespräch mit Autor Hannes Bahrmann über sein neues Buch „Rattennest“

Hannes Bahrmann
Hannes Bahrmann mit seinem Argentinien-Buch. (Foto: Christoph)

Buenos Aires (AT) - Der Lateinamerika-Kenner und Autor Hannes Bahrmann hat sich in seinem neusten Buch „Rattennest“ mit der Rolle Argentiniens als Zufluchtsort für Nazis und Kriegsverbrecher befasst. Im Gespräch mit dem Tageblatt erläutert er Motive und Umstände, die zu dieser Entwicklung führten.

Tageblatt: Herr Bahrmann, Sie haben zu Beginn Ihres Buches Argentinien noch vor Indien als siebtgrößtes Land der Welt bezeichnet. Haben Sie bei dieser Größe die Antarktis-Gebiete berücksichtigt, auf die Argentinien Anspruch erhebt?

Bahrmann: Die Zahl stammt aus dem Jahr 1948. Gerade erst hatte Staatspräsident Perón das ohnehin riesige Staatsgebiet Argentiniens per Dekret um knapp eine Million Quadratkilometer erweitert, indem ein Teil der Antarktis zum eigenen Hoheitsgebiet erklärt wurde. Damit übertraf Argentinien wieder den indischen Subkontinent, der gerade unabhängig geworden war und blieb nach eigener Vorstellung das siebtgrößte Land der Welt. Bis heute ist dieser Anspruch auf die Antarktis nicht legitim. Hinter diesem Akt der Selbstermächtigung Peróns steckte der unbändige Drang nach Weltgeltung. Perón sah sein Land als künftige Großmacht und deshalb gab er Befehl, nach Ende des Zweiten Weltkriegs die deutschen Ingenieure der „Wunderwaffen“ des Dritten Reiches ins Land zu holen, um Argentinien eine Vormachtstellung in Südamerika zu verschaffen. Er wollte sein Land neben der UdSSR und den USA sogar zur dritten Weltmacht entwickeln.


Gab es einen besonderen aktuellen Anlass, dass Sie sich mit dem Thema „Argentinien und die Nazis“ beschäftigt haben?

Ich habe mich seit den 1970er Jahren mit dem Thema beschäftigt. Doch erst jetzt lebte es wieder auf. Anfang letzten Jahres war ich wieder in Buenos Aires und streifte durch die Buchhandlungen. Überwiegend waren sich die Autoren zahlreicher Bücher sicher, dass Adolf Hitler seinen Lebensabend in Patagonien verbrachte. Beweise konnte niemand anführen. Doch Argentinien war zweifellos das Hauptziel der geflüchteten Nazis. Mich aber interessierten die Ursachen für diese Affinität.


Der Titel „Rattennest“ lässt Argentinien in negativem Licht erscheinen...

Der Begriff bezieht sich auf die europäischen Massenmörder und Kriegsverbrecher, die auf den „Rattenlinien“ nach Argentinien kamen. Früher hieß es, die Nazis hätten die Fluchtrouten mit Hilfe des Vatikans etabliert. Heute weiß man, die Fluchthilfe funktionierte genau umgedreht: Sie wurde im direkten Auftrag des argentinischen Staatspräsidenten durch eine Geheimorganisation in der Einwanderungsbehörde in Buenos Aires organisiert. Deutschargentinier, SS-Offiziere und europäische Kriegsverbrecher entwickelten hier die Pläne zur Ausschleusung der Nazis und ihrer europäischen Verbündeten. Man interessierte sich nicht für die Verbrechen der Zugereisten. Sie waren weiß und trugen zur „Verbesserung der argentinischen Rasse“ bei. Das war entscheidend. Juden waren nicht willkommen.

Andererseits hat doch Argentinien in den 1930er Jahren rund 40.000 Verfolgte aufgenommen?

Auf den ersten Blick ein Widerspruch, doch der lässt sich auflösen. Schon nach dem Putsch von 1930 wurden die Bedingungen zur Einwanderung restriktiver gehandhabt. Ab 1933 verstärkte sich der Antisemitismus, der 1919 bereits zum einzigen Pogrom in ganz Lateinamerika geführt hatte. Jüdische Flüchtlinge benötigten zur Einreise nicht nur gültige Reisepapiere, sondern auch ein polizeiliches Führungszeugnis, das das Land ausstellen sollte, aus dem sie flüchten wollten. 1938 wurden alle argentinischen Konsulate angewiesen, Personen, die in ihren Herkunftsländern unerwünscht seien, die Einreise zu verweigern. Kurze Zeit später verloren die Auslandsvertretungen das Recht, Einreisevisa auszustellen. Sie mussten die Daten an das Einwanderungsamt in Buenos Aires schicken, wo gezielt jüdische Einwanderer ausgesondert wurden. Die erwähnten 40.000 Verfolgten wurden also nicht aufgenommen, sondern überwanden mit Glück alle Hürden. Sie kamen mit einem Transitvisum ins Land, überquerten illegal die Grenzen der Nachbarländer oder kamen als Passagiere der 1. Klasse, die automatisch ein Touristenvisum für drei Monate erhielten.


Was sind die Hauptgründe, weshalb sich Argentinien zu einem Zufluchtsort für NS-Verbrecher entwickelte?

Verhängnisvoll wirkte sich der dominante deutsche Einfluss auf das argentinische Militär seit Beginn des 20. Jahrhunderts aus. Der Anführer des Militärputsches von 1930, General Uriburu, war zugleich der deutscheste aller Militärführer. In der darauffolgenden „década infame“, dem niederträchtigen Jahrzehnt, verstärkten sich im Land die bereits vielfach vorhandenen Tendenzen von Rassenideologie, Antisemitismus, Homophobie. Es war kein Zufall, dass der Deutschargentinier Ricardo Walter Darré das SS-Rasse- und Siedlungshauptamt übernahm und später als Reichslandwirtschaftsminister und SS-Obergruppenführer in höchste Ränge des Dritten Reichs aufstieg. Argentinien sollte nach den Plänen der Nazis in Berlin die führende Rolle in einem künftig von ihnen dominierten Südamerika übernehmen. Während des Zweiten Weltkrieges war es der wichtigste Brückenkopf der Deutschen in der westlichen Hemisphäre. Hier konzentrierten sich die nachrichtendienstlichen Aktivitäten, die auch unmittelbaren Einfluss auf den deutschen U-Boot-Krieg im Südatlantik hatten.


Wie stehen Sie zu den in Argentinien grassierenden Versionen, nach denen Hitler nach dem Krieg nach Argentinien fliehen konnte?

Der Ursprung für diese Spekulationen lag in der unerklärlichen Haltung Stalins und seiner Generäle, die nach dem Krieg behaupteten, Hitler sei geflohen, wahrscheinlich nach Spanien oder Argentinien. Einen Beweis für die Anwesenheit gibt es dafür auch nach 75 Jahren nicht.

Präsident Perón wollte deutsches Know-how für Argentinien akquirieren und umwarb deshalb deutsche Techniker und Militärs. Wusste er denn, dass auf diese Weise auch gesuchte Kriegsverbrecher ins Land kamen?

Perón hatte in Italien die Ökonomie des Faschismus studiert und bewunderte Adolf Hitler für seine Entschlossenheit, sich Europa untertan zu machen. Die Verbrechen des Dritten Reiches hielt er für Kollateralschäden. Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse bezeichnete er als „die größte Ungeheuerlichkeit, welche die Geschichte niemals vergessen wird“. Deshalb hatte er auch kein Problem damit, dass mit den Technikern, die er brauchte, auch jene ins Land kamen, für die er gar keine Verwendung hatte. Sie waren für ihn in erster Linie Deutsche, Angehörige der „Herrenrasse“. Die unangenehme Wahrheit lautet: Die Täter waren damals in Argentinien willkommen, ihre Opfer nicht.


Können Sie angesichts der historischen Rolle Peróns verstehen, dass er in Argentinien heute noch für viele ein politisches Idol ist, auf den sich sogar linksgerichtete Gruppen beziehen?

Die erste Präsidentschaft Peróns von 1946 bis 1952 war geprägt von einem wirtschaftlichen Aufschwung, der Einführung vieler sozialer Rechte und einem Drang nach Weltgeltung. Das ist im Bewusstsein vieler Argentinier geblieben. Dass dies alles mehr oder weniger auf Pump finanziert wurde und Peróns zweite Präsidentschaft den Einstieg in den Abstieg des Landes einleitete, wird für seine Anhänger weitgehend ausgeblendet.


Was erfährt der Leser in Ihrem Buch über das Thema „Argentinien und die Nazis“, was bislang noch nicht allgemein bekannt ist?

Das liegt naturgemäß im Auge des Lesers. Viel war bisher über die Nazis in Argentinien bekannt, wozu maßgeblich der Autor Uki Goñi beigetragen hat. Mich interessierten die Ursprünge des Vorgangs in der Geschichte Argentiniens, die Gründe und Auswirkungen der staatlich geförderten Masseneinwanderung aus Europa, die dem Land bis heute eine Ausnahmestellung im Südkegel verschaffen


Wie kann man Ihr Buch in Argentinien erhalten bzw. lesen?

Die einzig realistische Möglichkeit ist der Bezug als eBook. Der Verlag bietet es für 9,99 Euro an. Hier der link: https://www.christoph-links-verlag.de/index.cfm?view=3&titel_nr=E9128


Herr Bahrmann, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Marcus Christoph.



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