• Argentinisches Tageblatt

Die Sorge um den Dollarkurs

Von Juan E. Alemann

Nachdem der Dollarkurs Ende April 2019 einen Höchststand von $ 46 erreicht hat, stand der Devisenmarkt vorwiegend unter Angebotsdruck, so dass der Kurs jetzt um die $ 43 schwankt. Diese Entwicklung wurde erreicht, ohne ZB-Reserven zu opfern, nur mit Einsatz von u$s 60 Mio. täglich aus einem Teil des IWF-Kredites, wobei auch dies schließlich nicht mehr nötig war und die ZB sogar Dollar auf Termin verkaufte, um den Barkurs zu halten und zu verhindern, dass er unter die Interventionsgrenze fällt, bei der die ZB dann Dollar kaufen muss, was eine ungewollte monetäre Expansion mit sich bringt.

Der Wechselkurs ist somit hinter der Inflation zurückgeblieben, seit April um über 10%, und wenn man weiter zurückgeht, auf den Zeitpunkt des großen Sprungs im Jahr 2018, noch viel mehr. Doch damals war der Kurs zu viel gestiegen, was man als “overshooting” bezeichnet. Beim Devisenmarkt kommt oft ein Herdentrieb zum Ausdruck, bei dem schließlich viele Menschen Dollar kaufen, weil es andere auch tun. Das ist jetzt vorbei, kann aber jederzeit wieder auftreten. Der Kurs ist real im historischen Vergleich immer noch relativ hoch und kann somit als Gleichgewichtskurs eingestuft werden, also als Kurs, der zunehmende Exporte herbeiführt und den Import in Grenzen hält.

Objektiv, also bei einer Analyse von Angebot und Nachfrage auf dem Devisenmarkt, gelangt man zum Schluss, dass die Ruhe auf längere Zeit gesichert ist. Die Leistungsbilanz sollte im zweiten Halbjahr 2019 einen starken Überschuss abwerfen, nachdem noch der Export des größten Teils der Rekordernte fehlt, die Energiebilanz dank hoher Gasexporte (nachdem die Förderung in Vaca Muerta in Schwung gekommen ist) kaum noch ein Defizit ausweist und bald positiv wird, der Rindfleischexport weiter zunimmt, und noch zahlreiche andere Exporte hinzukommen, die dank Abwertung möglich wurden. Ebenfalls besteht ein zunehmender Export von Informatik-Software, und ein hoher Tourismus von Ausländern, und auf der anderen Seite bleibt der Import gedrückt. Andererseits zwingt die Geld- und Kreditknappheit Unternehmen und auch physische Personen, Dollarbestände zu verkaufen, um sich lokal zu finanzieren. Und das sollte jetzt die Kapitalflucht zumindest ausgleichen.

Doch jetzt mischt sich die Politik ein. Am 11. August, also in knapp drei Wochen, finden die PASO-Wahlen statt, die sich formell nur auf die Wahl der Kandidaten der einzelnen Parteien oder Koalitionen beziehen, aber dieses Mal den Charakter einer ersten Wahl einnehmen, aus der man ableiten kann, wie die echte Wahl vom 27. Oktober ausgehen wird. Wenn Cristina bei den PASO-Wahlen einen großen Vorsprung aufweist, bei dem man annimmt, das ihn Macri nicht aufholen kann, dann ist sofort der Teufel los. Und das wirkt sich zwangsläufig auch auf den Devisenmarkt aus, und dabei ist es sehr gut möglich, dass der Kurs davonspringt.

Ein Kurssprung hätte eine sofortige Wirkung auf die Konjunktur. Die Erholung, die schon eingesetzt hat, die gemäß der Meinung von angesehenen Wirtschaftlern wie Miguel Angel Broda, Orlando Ferreres u.a. bei einigermaßen stabilem Wechselkurs verstärkt auftreten würde, würde dann abrupt gebremst, und dabei besteht die Gefahr, dass eine neue Rezessionsphase eintritt. Und dann sinken die Wahlaussichten für Macri noch mehr, wobei aber auch die Sorgen zunehmen, mit denen Alberto Fernández seine Präsidentschaft beginnen würde. Doch es kann auch sein, dass ein Kurssprung nach den PASO-Wahlen, mit allem was dies zur Folge hat, der Gesellschaft einen tiefen Schreck einflößt, und die Wähler dann mehrheitlich doch für Macri stimmen. So etwas ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Der Dollarkurs hat in Argentinien einen direkten Einfluss auf die Preise und die Konjunktur, wie in kaum einem anderen Land. Als Folge der Ruhe auf dem Devisenmarkt hat auch die Inflationsrate leicht abgenommen, und das trägt auch zur Beruhigung auf dem Devisenmarkt bei, weil dann wieder mehr Liquidität in Pesos statt in Dollar gehalten wird. Wenn erreicht wird, dass die monatlichen Zunahmen des Indices der Konsumentenpreise in den kommenden Monaten um die 2% liegen, dann würde sich die Stimmung bezüglich der Wirtschaft verbessern, und dabei würde die Erholung, die schon sanft eingesetzt hat, stärker in Erscheinung treten. Erfahrungsgemäß wirkt ein Wechselkurs, der hinter der internen Inflation zurückbleibt, wachstumsfördernd. Und eine Inflation von 2% monatlich wird in Argentinien als normal angesehen und von den Unternehmen einkalkuliert. Beiläufig erfordert eine relativ niedrige Inflationsrate auch, dass die Tarife öffentlicher Dienste nur noch mäßig erhöht werden, wenn möglich bis zu den Wahlen überhaupt nicht.

Das Problem besteht bei dieser Kurspflege darin, dass ein Wechselkurs, der zunehmend hinter der Inflation zurückbleibt, schließlich in einer Krise mündet. Es gehört zur argentinischen Wirtschaftspolitik, dass die Regierung den Wechselkurs nicht zu stark hinter der Inflation zurückgehen lässt, so dass die Gefahr gebannt wird, dass es kurzfristig zu einer Explosion kommt. Die Wirtschaftspolitik erfordert, besonders in dieser Wahlperiode, viel Geschick, viel Fingerspitzengefühl und einen klaren Sinn für wirtschaftliches Gleichgewicht.

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