• Argentinisches Tageblatt

Die neue Landwirtschaft

Von Juan Alemann

Das statistische Amt (INDEC) hat die provisorischen Ergebnisse des landwirtschaftlichen Zensus bekanntgegeben, der am 15.9.18 begonnen wurde. Dabei wurden 236.600 landwirtschaftliche Betriebe ermittelt, 60.824 weniger als der Zensus von 2002 ergeben hatte. Das INDEC weist jedoch darauf hin, dass noch 48.904 Betriebe hinzukommen, die auf landwirtschaftliche Betriebe entfallen, die sich außerhalb der zensierten Gegend befinden. Viele (wahrscheinlich die meisten) Betriebe gehören jedoch mehr als einer Person, so dass die Zahl der Menschen mit landwirtschaftlichem Besitz weit über 300.000 liegt.

Insgesamt bezieht sich die INDEC-Erhebung auf 195 Mio. ha. Davon entfallen 161,7 Mio. ha auf Ackerbau, Rinderzucht und Forstwirtschaft, während der Rest für nicht landwirtschaftliche Zwecke eingesetzt wird oder einfach brach liegt, weil es sich um Sumpfland oder sonst unbrauchbarem Land handelt. Durchschnittlich ergibt sich somit eine Fläche von 824 Hektar pro Betrieb. Doch diese Zahl trügt. Denn in Patagonien sind die Flächen der einzelnen “Estancias” sehr groß, weil sie fast nur für Schafzucht eingesetzt werden, während sie in der Gegend der sogenannten “feuchten Pampa” oft sehr niedrig sind, bei einem Durchschnitt, der unter 200 ha liegt. Bei den Großbetrieben handelt es sich meistens um Aktiengesellschaften, bei denen der Besitz sich unter viele Aktionäre aufteilt.

Was den Besitz von landwirtschaftlichem Boden in Argentinien auch kennzeichnet, ist der hohe Verkauf von landwirtschaftlichen Boden. Vor einigen Jahrzehnten wurde er für die Provinz Buenos Aires auf 3% jährlich der gesamten Fläche berechnet, wobei noch der Verkauf von Aktien bei landwirtschaftlichen Aktiengesellschaften hinzukommt, bei dem es keine Eigentumsübertragung der Immobilie gibt. In Europa ist der Verkauf landwirtschaftlicher Güter seltener. Ebenfalls besteht dort oft noch das Majorat, bei dem der älteste Sohn den Bauernhof erbt und die anderen ausgezahlt werden. In Argentinien gilt das normale Erbrecht, was zu einer starken Aufteilung führt.

Vor hundert Jahren hatten es Kleinbetriebe oft schwer, weil sie sich die Maschinen für die Bearbeitung ihres Landgutes nicht leisten konnten. Das hat sich jetzt grundsätzlich geändert. In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Unternehmen aufgekommen, die mit großen modernen Traktoren, sowie Saat- und Erntemaschinen ausgerüstet sind und von Landwirten für diese Arbeiten verpflichtet werden. Dabei erhält der Besitzer des Landgutes einen guten Dienst zu annehmbaren Kosten, die kaum anders als bei Grossbetrieben mit eigenen Maschinen sind. Bei den Maschinen gab es auch einen gewaltigen technologischen Fortschritt, angefangen mit Schleppern von über 200 PS, während es früher um die 50 PS waren. Das hat die Kosten stark gesenkt.

Eine andere Möglichkeit, die sich dem Landeigentümer heute oft bietet, ist den Anschluss an einen “Pool”, also ein Unternehmen, dass viele Landgüter gemeinsam verwaltet. Führend ist auf diesem Gebiet Gustavo Grobocopatel. Was Kleinbetriebe betrifft, so widmen sich viele, vor allem in der Nähe von Städten und Dörfern, dem Anbau von Gemüse, der Bienenzucht u.a. Tätigkeiten, bei denen eine kleine Fläche ausreicht.

Die Landwirte, vor allem die großen, wurden früher als Rentenempfänger eingestuft, wobei davon ausgegangen wurde, dass sie bei extensiver Viehzucht und eventuell auch Ackerbau auf alle Fälle einen bestimmten Gewinn erzielten, der ihnen ein bequemes Leben erlaubt. Das hat es vor einem Jahrhundert noch gegeben, als viele landwirtschaftliche Betriebe noch sehr groß waren, oft von über 20.000 ha in der guten Gegend und einen Besitzer hatten, ist aber schon lange vorbei, an erster Stelle wegen der Aufteilung unter den Erben, die früher zahlreich zu sein pflegten.

Heute ist es anders: um bei der Landwirtschaft Geld zu verdienen, muss der Betrieb effizient geleitet werden, mit viel Einsatz von Technologie. Kaum eine andere wirtschaftliche Tätigkeit ist so stark auf Technologie angewiesen, wie die Landwirtschaft. Das bezieht sich auf Bodenstudien, optimalen Einsatz von Düngemitteln und auch Chemikalien für die Unkrautbekämpfung, auf die Kostenrechnung zwecks Wahl unter den einzelnen Möglichkeiten, die sich bieten (welche Art von Getreide und Ölsaat, wie viel Rinderzucht und eventuell auch Milchwirtschaft u.a. Tätigkeiten) und um den Einsatz von geeigneten Samen, oft auch genetisch veränderten. Hinzu kommen dann noch Wetterstudien und Marktstudien, wobei die Landwirte heute dank Computer und Internet bestens unterrichtet sind. Im Gegensatz zu einer Fabrik, die normalerweise so bleibt wie sie ist, und nur gelegentliche Änderungen erfährt, muss der Landwirt jedes Jahr seine Tätigkeit neu durchdenken und dabei grundsätzliche Entscheidungen treffen. Wer nicht bereit ist, dies zu tun, kann kaum einen Gewinn erwarten. Er muss somit sein Land entweder verkaufen, oder verpachten oder in einen “Pool” eingeben. Bei den landwirtschaftlichen Unternehmern ist der Anteil an Akademikern in Argentinien heute höher als in den Vereinigten Staaten.

In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts lagen die Gesamternten von Getreide und Ölsaat zwischen 12 und 15 Mio. Tonnen. Unter der Regierung von Perón, als die Preise künstlich niedrig gehalten wurden (mehr noch als es unter Cristina Kirchner mit Staatssekretär Guillermo Moreno der Fall war) waren es dann weniger, mit 6 Mio. Tonnen im Jahr 1952, als eine Dürre einsetzte. Im Jahr 1969 wurde eine Rekordernte von Getreide und Ölsaat von 28 Mio. Tonnen erreicht. In den 90er Jahren gingen die Ernten dann auf 40 und auch 50 Mio. Jato über, mit einem Sprung bei Sojabohne, als 1996 die genetisch veränderte Sojabohne zugelassen wurde. Dieses Jahr werden bis zu 140 Mio. Tonnen erwartet, und im Vorjahr, bei einer Dürre, die als die schlimmste der letzten 50 Jahre eingestuft wurde, waren es leicht über 100 Mio. Tonnen. Hier hat sich auch die direkte Aussaat ausgewirkt, bei der Boden nicht gepflügt wird, sondern nur eine Ritze gemacht wird, in die der Samen mit Düngemittel eingefügt wird. Dabei wird die Bodenfeuchtigkeit erhalten, so dass der Boden nicht ausgetrocknet wird, wie bei gepflügten Feldern. In trockenen Gegenden, besonders in der Provinz La Pampa, hat der Wind früher bei extremer Dürre die dünne Humusschicht weggeweht und das Land somit für die Landwirtschaft untauglich gemacht. Das hat jetzt aufgehört, wobei auch bei Dürre meistens noch geerntet werden kann, auch wenn die Erträge niedriger sind.

Auch bei der Rinderzucht hat es Fortschritte gegeben, mit besseren Zuchtmethoden und, vor allem, mit der Einführung der Mästung in Ställen (sogenannten “feed lots”). Dadurch wurde es möglich, dem Ackerbau mehr Boden zur Verfügung zu stellen und die Gewichtszunahme zu beschleunigen. Indessen ist die Rinderwirtschaft allgemein nicht so stark wie der Ackerbau fortgeschritten, so dass noch viel fehlt, um die Fleischproduktion zu erreichen, die möglich ist.

Die argentinische Wirtschaft lebt von der Landwirtschaft, deren Produkte direkt oder über die aus den primären Produkten erzeugten industriellen Produkte (Rindfleisch, Speiseöl, Mehl, u.a.) um die zwei Drittel der gesamten Exporte darstellen. Mit dem Erlös dieses Exportes wird der Import von Rohstoffen und Teilen für die Industrie, ebenfalls von Kapitalgütern, und auch der von Konsumgütern, finanziert. Ohne die Landwirtschaft hätte die Industrie somit ein schwieriges Problem. Sie profitiert im Wesen von der hohen Effizienz der Landwirtschaft. Doch dies wird allgemein von der städtischen Gesellschaft, die politisch ausschlaggebend ist, nicht anerkannt. Und das führt auch dazu, dass die Politik der Förderung der Landwirtschaft, die die Macri-Regierung energisch vorangetrieben hat, nicht begriffen wird.

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