• Argentinisches Tageblatt

Die argentinische Versicherungswirtschaft

Von Juan Alemann

Argentinien verfügt gegenwärtig über ein normales und erffizientes Versicherungssystem. Doch das war nicht immer so. In der Nachkriegszeit wurde ein System geschaffen, das in einem staatlichen Rückversicherungsmonopol (INDER), einer offenen Diskriminierung gegen ausländische Versicherungsanstalten und staatlich festgesetzten Tarifen bestand, mit einer Unzahl kleiner Versicherunsgesellschaften, die im Wesen nur Makler waren, da sie kaum Risiken übernehmen konnten. Das System war teuer und ineffizient.

Der erste Schritt in Richtung Modernisierung fand unter der Regierung von Alfonsín statt, und zwar nicht wegen einer Regierungsentscheidung, sondern weil das staatliche Rückversicherungsinstitut pleite gegangen war. Als im Dezember 1983 die Demokratie einsetzte, geschahen zwei Dinge: einmal nahmen die Autodiebstähle exponentiell zu (weil die Demokratie missverstanden wurde, und die Polizei nicht mehr vorgehen konnte, wie unter der Militärregierung), und dann verurteilten die neuen Arbeitsrichter, von denen viele vorher Gewerkschaftsanwälte gewesen waren, die Unternehmen bei Unfällen oder Arbeitskrankheiten zu absurd hohen Entschädigungen. In beiden Fällen hatten die Versicherunsgesellschaften diese Risiken fast voll mit dem INDER rückversichert, der dies jedoch bei den Prämien nicht berücksichtigt hatte. Hätte es private Rückversicherungsgesellschaften gegeben, die mit dem INDER konkurrieren, dann hätten diese das INDER auf das Problem aufmerksam gemacht, und das Institut hätte die Tarife angehoben.

1987 hatte das INDER, das ab 1978 zu einer Staatsgesellschaft umgewandelt wurde, die dem Handelsrecht unterliegt (wie eine gewöhnliche AG), sein Kapital aufgebraucht, und musste somit gemäss Gesetz aufgelöst werden. Um dies zu verhindern, trug das Schatzamt Kapital bei. Doch der damalige Schatzsekretär Mario Brodersohn war ein Mann mit Humor, und so bestimmte er, dass der Kapitalbeitrag nur effektiv eingebracht würde, wenn das Schatzamt einen Überschuss aufweise, wobei damals ein hohes Defizit bestand. Das ist ungefähr so, wie wenn jemand sagt, er werde aus dem Fenster in einem zehnten Stock springen, aber nur wenn er fliegen gelernt hat.

Die Zahlungsunfähigkeit des INDER führte ausländische Gesellschaften dazu, dem INDER keine Rückversicherungen zu übertragen, was gesetzlich zulässig war. Faktisch fand dabei eine Rückversicherung im Ausland statt, was dann im Notfall zu einem Kapitalbeitrag aus dem Ausland führte. Das Resultat war dann, dass viele rein argentinsiche Gesellschaften zusammenbrachen, weil ihnen das INDER hohe Summen schuldig geblieben war, während die ausländischen, oder diejenigen, die einen ausländischen Partner oder Geld im Ausland hatten, überlebten.

Hier trat das Paradoxon ein, dass ein System, das geschaffen worden war, um den lokalen Versicherungsmarkt für die Geellschaften mit rein argentinischem Kapital zu reservieren, dazu führte, dass es genau umgekehrt kam.

Nachdem das staatliche Rückversicherungsinstitut zusammengebrochen war, wurde den Versicherunsgesellschaften erlaubt, mit internationalen Rückversicherungsgesellschaften die Übertragung von Risiken zu versichern, die ihre Kapazität übertrafen. Das hatte faktisch schon eingesetzt. Das hat das Rückversicherunsgeschäft und das ganze argentinische Versicherungsystem grundsätzlich verändert. Denn die privaten Rückversicherer verhielten sich nicht passiv, wie das INDER, das einfach alle Risiken übernahm, die die Gesellschaften nicht behalten wollten. Sie prüften jeden Fall eingehend. Dabei forderten die Rückversicherer, dass die Versicherungsgesellschaften einen bestimmten Anteil am versicherten Objekt behielten, oder sie verweigerten die Rückversicherungen in Fällen, die zu riskant erschienen. Die Versicherunsgesellschaften mussten somit ihr Geschäft ganz anders aufbauen. Sie wurden von Maklern, die die Geschäfte einfach weiterleiteten, zu echten Versicherern, die einen Teil des Risikos übernahmen.

Unter Carlos Menem als Präsident und Domingo Cavallo als Wirtschaftsminister wurde dann eine weitere wesentliche Reform beim Versicherungsystem eingeführt, bestehend in der Deregulierung. Ab 1992 konnten die Tarife frei ausgehandelt werden. Das hat dazu geführt, dass die Versicherungsgesellschaften niedrigere Tarife gegen bessere Vorkehrungen zur Verhinderung von Unfällen aushandelten. Bei Brandversicherungen wurden dabei mehr Feuerlöscher gefordert, Rauchen verboten, u.dgl. mehr. Der Sinn des Versicherungswesens ist nicht nur, dass die Schäden, die ein einzelner erleidet, auf die ganze Gesellschaft aufgeteilt werden, sondern, dass weniger Schäden entstehen. Das bedeutet gesamthaft eine Kostenersparnis, die die wirtschaftliche Entwicklung erleichtert.

Was die Arbeitsrisikoversicherung betrifft, war das Problem komplexer. Es wurde durch ein Sondergesetz gelöst, das Arbeitsminister José Armando Caro Figueora in den 90er Jahren verfasst und Menem im Kongress durchgesetzt hat, das auch besondere Gesellschaften schuf (sogenannten ART), die diese Risiken versicherten. Die Arbeitsversicherung wurde aus dem allgemeinen Versicherungssystem ausgeklammert. Das Gesetz inspirierte sich an einem spanischen Vorbild, das Caro Figueroa gut kannte, weil er vorher in Spanien mit der dortigen Regierung auf diesem Gebiet zusammengearbeitet hatte. Doch er verbesserte das spanische Gesetz, das staatlich festgesetzte Tarife vorsah, mit freien Tarifen, so dass auch hier ein niedriger Tarif gegen besseren Unfallschutz und Krankheitsvorbeugung getauscht wurde. In der Tat nahm die Zahl der Arbeitsunfälle und –krankheiten stark ab,

Unter der Regierung von Néstor Kirchner wurde dann die Bestimmung aufgehoben, dass der von einem Unfall Betroffene, der die Entschädigung erhielt, dabei auf einen Prozess verzichten musste. Das Gesetz sah vor, dass der Betroffene zwischen der Sofortentschädigung und einem langen Prozess wählen musste. Fast immer wurde die Entschädigung gewählt, womit die Arbeitsanwälte kaum noch mit Prozessen beauftragt wurden. Diese Anwälte haben dann eine intensive Lobbytätigkeit gegen das Gesetz vollzogen, die schliesslich bei Néstor Kirchner (der auch von Versicherungswirtschaft nichts verstand) gut ankam.

Das Ergebnis der Kirchner-Politik war, dass es zu einer Flut von Prozessen kam, bei denen die ART-Geselschaften zu hohen Entschädigungen verurteilt wurden, was zu einer starken Erhöhung der Prämien führte. Erst unter Cristina Kirchner wurde dies wieder rückgängig gemacht, und erst unter Mauricio Macri wurden dann andere Aspekte korrigiert, mit denen Néstor Kirchner das System belastet hatte. Ganz ist das Problem immer noch nicht gelöst, u.a. weil viele Arbeitsrichter das Gesetz auf ihre Weise interpretieren, und dabei hohe Entschädigungen und hohe Anwaltshonorare verfügen.

Allein, gesamthaft hat Argentinien jetzt ein gut funktionierendes und effizientes Versicherungssystem, das jedoch von der hohen Inflation gestört wird. Denn der Versicherte zahlt die Prämien in Pesos, die eine bestimmte Kaufkraft haben, und der Schaden muss dann in Pesos mit einer viel geringeren Kaufkraft bezahlt werden. Bei einer Inflationsrate von bis zu ca. 20% im Jahr kann die Inflation eventuell einkalkuliert werden. Bei 50% und mehr ist dies hingegan sehr schwierig, und bei Hyperinflation unmöglich.

0 vistas

© 2019 Tageblatt - All rights reserved

  • White Twitter Icon
  • White Facebook Icon
  • White Instagram Icon