• Argentinisches Tageblatt

Die Überraschung

Von Juan E. Alemann

Alberto Fernández und Cristina Fernández de Kirchner.

Nachdem alle Welt auf die Entscheidung von Cristina wartete, ob sie sich als Präsidentschaftskandidatin antritt oder nicht, hat sie eine Alternative hervorgezaubert, an die überhaupt nicht gedacht wurde: Sie stellt sich als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft auf und Alberto Fernández als Präsidentschaftskandidat. Was sie damit beabsichtigt, hat sie nicht gesagt, so dass jetzt allerlei Interpretationen aufkommen.

Alberto Fernández war Kabinettschef unter Néstor Kirchner und am Anfang der Regierung von Cristina. Vorher war er Vertreter von Néstor Kirchner in Buenos Aires gewesen, und zur Zeit von Cavallo als Wirtschaftsminister war er geichzeitig Leiter der Aufsichtsbehörde des Versicherungswesens. Und weiter zurück war er einer von vielen Justizbeamten (aber nicht Richter). In den letzten acht Jahren war er nicht direkt in der Politik aktiv, obwohl er oft im Fernsehen auftrat, aber eigentlich mehr als politischer Kommentator und nicht als aktiver Politiker. Erst vor einigen Monaten nahm er Kontakt mit Cristina auf, und offensichtlich wurde dabei die enge Beziehung wieder hergestellt, die er als Kabinettschef mit ihr hatte.

Zunächst wurde davon ausgegangen, dass Cristina auf diese Weise die Peronisten ansprechen will, die nicht zum Kirchnerismus gehören. Alberto Fernández soll ihr dabei Stimmen bringen. Ebenfalls wird spekuliert, dass sie mit Fernández als Kandidat erwartet, dass die Zahl der negativen Stimmen sinkt, die sehr hoch ist und sie behindert, sich in einer Zweitwahl durchzusetzen. Ob dies zutrifft sei dahingestellt. Auf der anderen Seite kann sie jetzt auch Wähler verlieren, die nur für sie als Person und sonst für niemand stimmen.

Allein, darüber hinaus dürfte es um etwas ganz anderes gehen. Cristina dürfte sich der Tatsache bewusst sein, dass sie im Fall eines Wahlsieges eine äußerst kritische Lage übernimmt, die noch dadurch verschärft wird, dass die internationale Finanzwelt ihr ein tiefes Misstrauen entgegenbringt, was in einem massiven Rückzug von argentinischen Wertpapieren und Krediten an Argentinien, auch privaten, zum Ausdruck kommen würde. Das macht die Beziehungen mit dem Internationalen Währungsfonds noch kritischer. Auch würde US-Präsident Donald Trump ihr gegenüber nicht so großzügig sein, wie er es bei Macri ist. Ob sie ihn in ihrem jüngsten Vortrag im Saal von “La Rural” gelobt hat, um ihn wohlwollend zu stimmen, wäre wohl etwas zu weit gedacht.

Alberto Fernández müsste als Präsident zunächst die schmutzige Arbeit machen. Wer immer am 10. Dezember 2019 als Präsident antritt, muss die Staatsausgaben weiter kürzen, Lohnerhöhungen eindämmen und sich mit der Rezession oder ihren Folgen auseinandersetzen. Die allgemeine Illusion vieler Kirchneristen, dass dann magisch erreicht wird, dass die Arbeitslosigkeit stark abnimmt, der Reallohn spürbar zunimmt und die Unternehmen wieder voll ausgelastet sind, dürfte ziemlich schnell platzen. Und dann kommt die Enttäuschung.

Die Kirchners konnten eine populistische Politik durchführen, weil sie von einer tiefen Rezession kamen, über hohe Erdöl- und Gasreserven verfügten, die öffentlichen Dienste dank der Menem-Privatisierungen in Ordnung waren und zunächst keine Zinsen und Amortisationen auf die Staatsschuld gezahlt wurden. Und nicht zuletzt erreichte der Preis für Sojabohne einen Rekordstand, und auch die Preise für Getreide lagen hoch. Diese Voraussetzungen sind jetzt nicht gegeben, so dass der Populismus jener Zeit nicht mehr möglich ist. Damit soll Alberto Fernández fertig werden, mit ihr im Hintergrund und als politische Reserve. Sie könnte ihn auch jederzeit zum Rücktritt zwingen und wäre dann Präsidentin.

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