• Argentinisches Tageblatt

Der Konflikt mit der öffentlichen Erziehung

Von Juan E. Alemann

Die Lehrergewerkschaften fordern höhere Gehälter, wobei sie als erstes den Reallohnverlust der letzten Jahre aufholen wollen. Doch der Staat, sowohl der Bundesstaat wie die Provinzen, von denen die Schulen abhängen, hat kein Geld verfügbar, um diesen Wunsch zu erfüllen. Eine Erhöhung der Lehrergehälter über die, die schon zugestanden wurde, müsste mit Verringerungen anderer Ausgaben oder zusätzlichen Steuereinnahmen ausgeglichen werden, was in der Praxis nicht möglich ist.

Die Gewerkschafter wollen ihre Forderung jetzt mit einem Streik im ganzen Land durchsetzen. Damit erreichen sie jedoch nichts, wobei die Streiktage vom Lohn abgezogen werden und die Lehrer einen Schaden erleiden. Bei einem Streik werden an erster Stelle die Schüler geschädigt, die bei weniger Unterrichtstagen auch weniger lernen. Dabei gehen immer mehr Schüler auf Privatschulen über, was für die Familien meistens ein finanzielles Opfer darstellt, das schwer zu verkraften ist. Dies zeigt die argentinische Gesellschaft von einer positiven Seite: sie verleiht der Erziehung eine große Bedeutung.

Über das Grundproblem der öffentlichen Erziehung wird kaum gesprochen: es besteht ein Überfluss an Ersatzlehrern, der auf dem Lehrerstatut beruht. Bei den Privatschulen gibt es kaum Ersatzlehrer, und die Qualität der Erziehung ist allgemein besser. 2018 gab es durchschnittlich bei der öffentlichen Erziehung 12,2 Schüler pro Lehrer. 2003 waren es 15,6, was zeigt, dass sich die Lage verschlechtert hat. Wären es um die 20 Schüler pro Lehrer, dann könnten die Gehälter um ca. 50% erhöht werden, ohne die Staatsfinanzen zu belasten. Beiläufig führt das System mit so vielen Ersatzlehrern auch zu Korruption, die darin besteht, dass sich Lehrer krank erklären, auch wenn sie es nicht sind, wobei sie dann andere Tätigkeiten verrichten und ein Zusatzeinkommen erhalten. Für die Kinder, vor allem in den untersten Stufen, ist die Tatsache traumatisch, dass sie dann in einem Schuljahr zwei oder mehr Lehrer haben, weil die direkte persönliche Beziehung zum Lehrer unterbrochen wird, und die einzelnen Lehrer jeweils erfahren müssen, wie es um die einzelnen Schüler steht.

Das Studienzentrum CIPPEC (Centro de Implementación de Políticas Públicas para la Equidad y el Crecimiento) hat eine Studie über die Erziehung durchgeführt, die zu interessanten Schlüssen führt, aber das zentrale Problem, auf das wir hingewiesen haben, nicht berücksichtigt. In den drei Jahren, die unter der Macri-Regierung schon verstrichen sind, sind die Ausgaben für Erziehung real um 9% gefallen. Wenn das Budget für 2019 erfüllt wird, würde der Rückgang insgesamt 19% erreichen. Zu Pesos von 2018, bedeutet dies, dass $ 34,7 Mrd. weniger als 2015 ausgegeben werden. Die Ausgaben der Provinzen fielen dabei um 8%. Doch dabei ist die Lage bei den einzelnen Provinzen unterschiedlich: fünf, nämlich die Bundeshauptstadt, Salta, Chaco, Catamarca und Corrientes, haben die Ausgaben für Erziehung real erhöht.

Früher hingen einige Primarschulen von den Provinzen ab, während die meisten vom Nationalstaat verwaltet wurden. 1978 unter der Militärregierung, wurden sämtliche Primarschulen auf die Provinzen übertragen, was einmal die Verwaltung erleichterte, weil die Provinzverwaltungen näher zu den Schulen sind, und dann auch oft eine Rationalisierung vollzogen wurde, da gelegentlich provinzielle und nationale Schulen sehr nahe zueinander lagen, und somit vereinheitlicht werden konnten. Das führte auch zu einer qualitativen Verbesserung, da dann mehr Klassen geschaffen werden konnten, weil genügend Schüler vorhanden waren. In den 90er Jahren übertrug die Menem-Regierung dann auch die Sekundarschulen an die Provinzen. Beiläufig hat diese Übertragung der Erziehung an die Provinzen den Föderalismus gestärkt.

Die Lehrergewerkschaften fordern jetzt, dass das Problem der Lehrergehälter auf nationaler Ebene behandelt wird, mit einer einheitlichen Verhandlung, die für alle Provinzen gilt. Das widerspricht einmal dem Gesetz, da der Nationalstaat nicht über die Schulen entscheidet. Aber außerdem führt das dazu, dass der Nationalstaat in vielen Fällen den Provinzen das Geld für die Gehaltserhöhungen geben muss, Geld, über das er nicht verfügt. Auf nationaler Ebene sollte nur das Lehrerstatut diskutiert werden, was sich nicht nur auf die überflüssigen Ersatzlehrer bezieht, sondern auf das frühe Pensionierungsalter, die übertriebenen Gehaltszusätze für die gearbeiteten Jahre u.a. Dinge.

Noch eine Bemerkung zum Thema: liberale Geister befürworten ein System, bei dem die Schulen nicht direkt vom Staat finanziert werden, sondern über die Eltern, die vom Staat einen Bonus erhalten, der den Kosten eines Schülers bei einer staatlichen Schule entspricht. Doch der Trick besteht darin, dass der Bonus auch für eine Privatschule eingesetzt werden kann, so dass nur die Differenz zur Quote bezahlt wird, die jede Schule festsetzt. Dieses System würde Konkurrenz unter den Schulen schaffen, und die Leitung derjenigen, die Schüler verlieren, vor ein Problem stellen, wobei sie den Behörden eine Erklärung geben müssten. Denn sonst wird dieser Schulleiter abgesetzt und durch einen fähigeren ersetzt. Dieses System wäre gewiss viel besser als das bestehende. Aber politisch lässt sich dies wohl kaum durchführen.

Ein anderer Reformvorschlag, der vor allem bei Sekundarschulen eingeführt werden könnte, besteht darin, dass die Schulen von einer Elternkommission geleitet werden, die von den Eltern gewählt wird. Diese Kommission hätte dann die gleichen Befugnisse wie der Vorstand in einer privaten Schule. Die Lage wäre ähnlich wie in deutschen Privatschulen. Wichtig dabei ist, dass die Schulleitung dann auch Lehrer entlassen kann. Denn bei staatlichen Schulen ist heute ein Entlassungsverfahren äußerst kompliziert und dauert gelegentlich mehrere Jahre, während denen der Schulleiter mit dem Lehrer, den er formell schon entlassen hat, zusammenarbeiten muss. Die Regierung sollte sich überlegen, ob und wie weit sie ein System dieser Art einführen kann, das gewiss einen großen Fortschritt darstellen würde, mit einer Verbesserung der Qualität der Erziehung.

In Bezug auf Erziehung sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass das Kernproblem die Qualität ist. Alles andere, also auch Gehälter, kommt danach. Es handelt sich nicht nur darum, dass die öffentliche Erziehung Mängel aufweist, die gelegentlich sehr krass auftreten, sondern darum, dass die technologische Revolution, die wir gegenwärtig erleben, eine bessere und anders gestaltete Ausbildung von den Menschen fordert, damit sie sich in diese neue Welt eingliedern können. Das wirtschaftliche Wachstum hängt nicht nur von Investitionen, von allerlei unternehmerischen Entscheidungen und vom technologischen Fortschritt ab, sondern auch von den Fähigkeiten der Bevölkerung. Wenn diese den neuen Forderungen nicht nachkommt, wird das Wachstum gehemmt, wobei auch viele strukturelle Arbeitslose entstehen, die einfach nicht geeignet für die Arbeitsplätze sind, die ihnen geboten werden.

© 2019 Tageblatt - All rights reserved

  • White Twitter Icon
  • White Facebook Icon
  • White Instagram Icon