• Argentinisches Tageblatt

Der Energiepolitik fehlt ein Gesamtkonzept

Von Juan E. Alemann

Argentinien hatte unter Menem sowohl die Selbstversorgung mit Erdöl und Gas erreicht, wie auch eine ausreichende Versorgung mit elektrischem Strom, und eine Stromverteilung mit wenig Unterbrechungen. Das wurde unter den Kirchners zunichte gemacht: es musste schließlich Gas in großen Mengen importiert werden, die Stromversorgung war an der Grenze des Bedarfs gelangt und es traten bedeutende und wiederholte Pannen bei der Stromverteilung auf. Unter Macri wurde erneut die Selbstversorgung bei Gas und Erdöl erreicht, mit der Aussicht auf einen unmittelbaren Überschuss, und die Verteilung verlief mit wenigen und kurz dauernden Pannen.

Jetzt muss Alberto Fernández entscheiden, wie es weitergeht. Er steht dabei vor einem großen Problem: Es muss weiter viel investiert werden, um die Versorgung mit Gas und Erdöl, und auch mit Strom, zu erhalten, aber es fehlen die Mittel dazu. Und außerdem will er die Preise von Erdölprodukten und somit auch den Strompreis von den internationalen Preisen abkoppeln und die Bevölkerung mit niedrigeren (realen) Preisen als unter Macri versorgen. Doch gleichzeitig muss er das Defizit der Staatsfinanzen ausmerzen, so dass er woanders entsprechend sparen muss, ohne genau zu wissen wo, und/oder die Steuereinnahmen real spürbar erhöhen zu können, was noch schwieriger ist.

Argentinien hat besonders günstige natürliche Bedingungen für die Energieerzeugung. Vaca Muerta stellt eine immense Reserve von Gas und Erdöl dar, aber die Ausbeutung erfordert hohe Investitionen, und die Kosten liegen weit über denen konventioneller Lager. Je mehr sich die traditionellen Lager erschöpfen und durch Förderung in Vaca Muerta ersetzt werden, umso mehr nehmen die Durchschnittskosten zu. Ebenfalls verfügt Argentinien über hohe Möglichkeiten der Erzeugung von sauberem Strom, also ohne Einsatz von fossilen Brennstoffen. Es können noch folgende große Wasserkraftwerke gebaut werden: 1. Garabí, am Uruguay-Fluss, das schon gemeinsam mit Brasilien in Angriff genommen wurde, aber stockt; 2. Corpus, am oberen Lauf des Paraná, zwischen der Provinz Misiones und Paraguay. Es ist mit Abstand das wirtschaftlichste Projekt von allen. Das Problem besteht hier darin, dass ein Teil der Bevölkerung von Misiones gegen das Projekt opponiert, weil es angeblich zu viel Land überschwemmt; 3. Chihuidos, am oberen Lauf des Limay-Flusses, in der Provinz Neuquén. Dieses Projekt wurde schon der deutschen Voith zugeteilt, aber dann unter Macri nicht durchgeführt, wegen eines dummen Streits über die Zinsen. Jetzt hat sich die deutsche Regierung dafür interessiert, was auch die Bereitwilligkeit der Finanzierung einschließt; 4. Die zwei Wasserkraftwerke am Fluss Santa Cruz, Condor Cliff und Barrancosa, die einem chinesischen Unternehmen mit argentinischen Minderheitspartnern zugeteilt wurde und schon begonnen wurden.

Hinzu kommt dann noch die Möglichkeit mehrerer kleiner Wasserkraftwerke. Aber außerdem hat Argentinien die Möglichkeit des Ausbaus der Windstromanlagen, wie kein anderes Land. In Patagonien bestehen Windkorridore, in den ständig ein äußerst starker Wind bläst. Das führt dazu, dass die Anlagen viel mehr Strom erzeugen als in Gegenden mit weniger Wind (wie z.B. in Norddeutschland), so dass die Investition pro KW und auch die Kosten pro KWSt. viel geringer sind. Dann kommt noch die Stromerzeugung mit Solaranlagen hinzu, für die im Norden des Landes hervorragende Bedingungen bestehen. Es wurde schon ein großes Solarwerk in Jujuy errichtet, doch grundsätzlich handelt es sich darum, die Einrichtung von Anlagen auf den Dächern der Wohnungen zu fördern, so dass auch der Stromtransport hinfällig wird. Das Problem bei all diesen sauberen Energieformen besteht in den Investitionen, die meistens pro KW höher als bei konventionellen Wärmekraftwerken sind. Argentinien muss sich auf alle Fälle auf teurere Energie einstellen, und das ist nicht einfach.

Bei diesem Szenarium erscheinen Atomkraftwerke als unnötig. Sie erfordern prinzipiell eine höhere Investition pro KW als andere Kraftwerke und passen sich schlecht einer schwankenden Nachfrage an. Gegenwärtig stehen zwei Kernkraftwerke zur Diskussion, die schon unter Cristina mit China verpflichtet wurden, von denen Macri eines bestätigt hat, das zum Glück auch nicht in Angriff genommen wurde. Die Investition pro KW ist dabei höher als bei anderen Kraftwerken, auf alle Fälle als bei normalen Wärmekraftwerken, und die Kosten pro KwSt. sind viel höher als bei anderen Kraftwerken. Jorge Lapeña, ein sehr angesehener Energiefachmann, der unter Alfonsín Energiesekretär war, fordert eine Studie über die Kosten der Investition und des Stromes bei diesen Werken. Das dürfte ergeben, dass sie unwirtschaftlich sind und nicht gebaut werden sollen, auch wenn die chinesische Regierung einen großzügigen Kredit dafür bereitgestellt hat. Denn den Kredit muss man schließlich auch bezahlen.

Lapeña tritt auch (siehe Clarín vom 3.02.20) dafür ein, dass Vaca Muerta gründlich studiert wird, und dabei der Möglichkeit Erdöl (und nicht Gas) zu fördern Vorrang gegeben wird. Die neue Regierung hat angeblich den Wirtschaftler Guillermo Nielsen, der zum YPF-Präsidenten ernannt wurde, beauftragt, eine komplette Studie über Vaca Muerta durchzuführen. Er sollte für dies die besten verfügbaren Fachleute verpflichten. Ebenfalls fordert Lapeña eine Studie über die vorgesehenen Gasleitungen.

Das Energieproblem ist in Argentinien wirklich komplex, weil die finanziellen Mittel auch hier knapp sind. Dabei muss weiter auf dem Gebiet des rationellen Konsums gearbeitet werden. Der Strompreis deckt gegenwärtig laut Lapeña 58% der Kosten. Und mit der Einfrierung der Tarife wird es in den nächsten Monaten noch weniger sein. Das stellt einen Anreiz für übertriebenen Konsum dar. Es muss somit auch an der Tarifstruktur gearbeitet werden, mit einer stärkeren Progression. Ebenfalls sollte auch die Möglichkeit erwogen werden, einen niedrigeren Tarif für Nachtkonsum einzuführen, wenn überschüssige Kapazität bei der Stromerzeugung besteht. Und auch sollte die Möglichkeit erwogen werden, den Unternehmen, die sich in den Spitzenzeiten mit eigenen Stromanlagen versorgen, einen Rabatt zu gewähren. Man muss sich eben bemühen, den Stromkonsum durch rationelleren Konsum zu beschränken, vor allem in Spitzenzeiten, als Alternative oder Komplement zum Bau von Kraftwerken.

Die Regierung solle das Energieproblem ernst nehmen. Man muss mit viel Studien, also viel intellektueller Arbeit beginnen, um dann bei Investitionen zu sparen. Zum Glück verfügt das Land über mehrere erstklassige Experten, die zum Teil schon seit über zehn Jahren auf diesem Gebiet zusammen arbeiten. Ihre Expertise sollte jetzt verwendet werden.

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