• Argentinisches Tageblatt

Brüning, Hanussen und Hitler

Berlin im Fieber von 1930 bis 1933

Das neue Buch von Peter Walther ist auch online als E-Book zu erwerben. (Foto: dpa)

Berlin (dpa) - Der von vielen prominenten Zeitgenossen befragte „Hellseher“ Erik Jan Hanussen sieht am Vorabend des Reichstagsbrandes im Februar 1933 „das deutsche Land an der Spitze der Kulturnationen“, was den „Rasputin Hitlerdeutschlands“ wenig später nicht davor schützen wird, ermordet zu werden. Der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik, der General Kurt von Schleicher, besucht noch Ende Januar 1933 zusammen mit Gästen wie Erich Kästner, Carl Zuckmayer und Wilhelm Furtwängler den Berliner Presseball. Über ein Jahr später wird Schleicher zusammen mit seiner Frau in ihrer Villa beim sogenannten Röhm-Putsch von Nazis erschossen. Berlin ist im „Fieber“, wie der Fallada-Biograf Peter Walther sein neues Buch über das „Universum Berlin 1930-1933“ betitelt.

Der Autor schildert diese dramatischen Endjahre der Weimarer Republik am Beispiel verschränkt erzählter Fälle und Biografien, dazu gehören der, wie sie im Buch charakterisiert werden, „tugendhafte“ Reichskanzler Heinrich Brüning, der „rote Zar“ Otto Braun, der „Herrenreiter“ Franz von Papen, der „Sturkopf“ Ernst Thälmann oder die in Berlin arbeitende amerikanische Starjournalistin Dorothy Thompson.

Daneben spielen natürlich die sozialen Konflikte und Straßenkämpfe eine Rolle, während gleichzeitig die atemberaubende Theater- und Kunstszene der Reichshauptstadt mit Deutschlands „erster Negerbar“, wie es damals hieß, von den Nazis als „Asphaltkultur“ und „entartet“ diffamiert, viele Amerikaner, Engländer und Franzosen nach Berlin lockt.

Aber Berlin war in jenen Jahren trotz oder gerade wegen der wirren politischen Lage auch ein „Tummelplatz“ für Scharlatane, „Propheten“ und „Wahrsager“, wie Walther in seinem Buch bildhaft schildert. Eine schillernde Figur wie der Österreicher Hermann Steinschneider alias Erik Jan Hanussen, wie er sich nannte (den Klaus Maria Brandauer in einem Film von Istvan Szabo verkörperte) war da nicht nur als Varietékünstler gefragt. Seine „politischen Horoskope“ waren auch in den „besseren Kreisen“ begehrt.

Derweil sitzen Politiker und Generäle in Hinterzimmern Berliner Lokale und versuchen, „Politik von der zweiten Reihe aus“ zu machen, wie Walther schreibt. Gegen die geballte Macht auf der Straße von SA und „Rotfront“ sind sie aber machtlos, dabei verbünden sich Nazis und Kommunisten sogar manchmal, zum Beispiel beim BVG-Streik, und Preußen-Feinde sind sie beide. Die Kommunisten galten für gefährlicher als die Nazis, wird in dem Buch betont, weil sie offen für die Sowjetunion eintraten und damit für eine fremde Macht, vermutlich ein Kardinalfehler der deutschen Kommunisten.

Dennoch gewinnen sie bei der Reichstagswahl im Juli 1932 Stimmen hinzu, die NSDAP wird aber stärkste Partei (allerdings noch ohne Mehrheit im Parlament) und erstmals seit 1890 steht die SPD in der zweiten Reihe. „Zu lange schon hat die SPD alle möglichen Kröten geschluckt“, meint Walther dazu. Und mit den Forderungen ihres linken Flügels nach einer sozialistischen Planwirtschaft machte sich die Partei in den damaligen Wirren, die auch ideologisch aufgeheizt waren, auch nicht beliebter.

Die Sozialdemokraten aber waren es, die nach dem Reichstagsbrand gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz stimmten, in Abwesenheit der bereits verfolgten kommunistischen Abgeordneten. Der SPD-Vorsitzende Otto Wels sagte in der letzten freien Rede im Reichstag, noch niemals in der Geschichte des Deutschen Reichstags sei die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten in einem derartigen Ausmaß ausgeschaltet worden. Wels wurde später von den Nazis die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Die Weimarer Republik war am Ende.

Der Angriff auf die Landwirtschaft

Von Juan E. Alemann

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