• Argentinisches Tageblatt

Beruhigung auf dem Devisenmarkt und die Folgen

Von Juan E. Alemann

Die Schwankungen des Dollarkurses waren in den letzten sechs Wochen sehr gering. Der Kurs verblieb zwischen $ 45 und $ 46, wobei allerdings die ZB Dollar verkaufen musste, um ihn auf diesem Niveau zu halten. Der argentinische Peso hat sich dabei gegenüber den Währungen vieler Schwellenländer aufgewertet. Der Dollarkurs ist auch gegenüber der internen Inflation zurückgeblieben, so dass ein großer Teil der Abwertung, die seit Mitte 2018 stattgefunden hat, wieder weg ist. Bei einer Inflation, die für Mai von privaten Wirtschaftern auf leicht über 3% angesetzt wird, für Juni auf etwa 2,5% und für Juli auf 2%, sollte der Kurs entsprechend steigen, um nicht wieder unter dem Gleichgewichtsniveau zu liegen, so dass eine neue Krise auf dem Devisenmarkt in Aussicht steht. Die Lage wird vornehmlich in den Monaten nach den PASO-Wahlen, also im August und September kritisch, wenn eventuell Zweifel über die Aussichten von Macri beiden Oktoberwahlen aufkommen. Dennoch geht die Wirtschaftswelt davon aus, dass die Regierung die Lage beherrscht und es in nächster Zeit keine Kurssprünge gibt.

Die Lage auf dem Devisenmarkt hat auch die interne Preisfront beruhigt, wobei allerdings auch der Umstand dazu beigetragen hat, dass es nur noch ausnahmsweise Tariferhöhungen bei öffentlichen Diensten gab, und auch, dass die schwache Konjunktur Druck auf die Preise ausübt. Hinzu kommt noch, dass der Konsument als Folge der Rezession sein Verhalten geändert hat: er prüft Preise und vergleicht sie, geht auf billigere Produkte und Marken über, und zwingt Fabrikanten und Verteiler, sich dieser neuen Lage anzupassen, die diese auch dazu führt, viele Kostenerhöhungen zu schlucken oder durch Rationalisierung auszugleichen, statt sie einfach auf die Preise abzuwälzen. Die Rezession fördert eben auch strukturelle Änderungen, die bei guter Konjunktur nicht berücksichtigt werden. Es ist wie ein Dammbruch. Der Konsumexperte Guillermo Olivetto hat festgestellt, dass diese Änderungen beim Verhalten der Konsumenten sehr deutlich zum Ausdruck gekommen sind. Das bedeutet, dass man sie bei der Analyse der Wirtschaft berücksichtigen muss. Eventuell ist die Inflation dann milder, als sie die privaten Ökonomen in Aussicht stellen.

Diese Entwicklung hat zu einer etwas besseren Konjunktur geführt. Die für den wirtschaftlichen Bereich zuständigen Minister sind leicht optimistisch und weisen auf zahlreiche Besserungszeichen hin. Doch auch Unternehmer sind eher optimistisch. Eine Umfrage der Firma KPGM (die sich mit Buchprüfung und Steuer- und Finanzberatung befasst), benannt “CEO-Outlook 2019”, hat ergeben, das 80% der befragten Leiter von größeren Unternehmen mit einer Aufwärtskonjunktur rechnen. Sie sollten gewiss wissen, wovon sie reden.

Es wird jetzt erwartet, dass die Lohnerhöhungen, die in letzter Zeit gewährt wurden, die Nachfrage anregen. Das dürfte jedoch eine geringe Wirkung haben, umso mehr als die Zahl der Lohnempfänger gefallen ist und auch ein Reallohnverlust verbleibt, wobei viele Lohnempfänger zunächst Schulden zahlen müssen. Ohnehin erfolgen die Zulagen schrittweise. Ebenfalls wird erwartet, dass die Wiedereinführung der Ratenzahlung zu subventionierten Zinsen beim Verkauf von dauerhaften Konsumgütern die Nachfrage anregt, und das sollte effektiv so sein, weil dies im Endeffekt niedrigere Preise (in konstanter Währung) bedeutet.

Allein, der wichtigste Faktor der Konsumerholung wird meistens nicht berücksichtigt: die Rekordernte, die zu höheren Einnahmen bei Landwirten führt, die sich sofort auf andere Bereiche überträgt. Es sind netto gesamthaft bis zu u$s 8 Mrd. mehr als im Vorjahr. Hinzu kommt hier noch die höhere Rindfleischproduktion, nachdem sich der Rinderbestand erholt hat und die Produktivität (Schlachtungen im Verhältnis zum Bestand) zugenommen hat. Und auch bei der Produktion und dem Export von Schweinefleisch gab es einen Sprung. Das ist etwas neues, eine Folge des Auftretens einiger großer Schweinezüchter, die vor einigen Jahrzehnten diese Tätigkeit mit moderner Technologie aufgenommen haben. Hinzu kommen noch die Wirkung der höheren Gas- und Erdölförderung, und auch Fortschritte bei vielen Einzelbereichen hinzu. Man sollte schließlich nicht vergessen, dass die Rezession die Unternehmer zu strukturellen Änderungen führt, die dann zur Erholung beitragen. Das steht in den Lehrbüchern über Wirtschaftswissenschaft. Es hat somit zusätzliche Einkommen auf breiter Ebene gegeben, die dann eine Kettenwirkung haben und sich positiv auf die Konjunktur auswirken.

Zurück zum Dollarkurs. Die ZB verfügt über Reserven, von denen sie um die u$s 20 Mrd. im Notfall einsetzen kann, um den Kurs zu halten. Die Zahlungsbilanz sollte in den nächsten Monaten einen Überschuss bei der Leistungsbilanz ausweisen, und bei der Kapitalbilanz sollte es kein Problem geben, da die fälligen Zahlungen durchaus finanzierbar sind. Dass der IWF den Kredit an Argentinien weiter erhöht, ist unwahrscheinlich. Doch eventuell kann das US-Schatzamt einen Betrag von bis zu u$s 20 Mrd. bereitstellen. Doch darüber würde erst gesprochen werden, wenn sich das Problem stellt, wobei es unwahrscheinlich ist, dass dieser zusätzliche Kredit notwendig ist.

Präsident Donald Trump will seinem Freund Mauricio Macri auf alle Fälle helfen, auch mit Hinblick auf die Wahlen. Für die Vereinigten Staaten hat Argentinien eine strategische Bedeutung, die über die persönliche Beziehung zwischen den Präsidenten hinausgeht. Nachdem schon in Brasilien eine Abkehr vom Populismus stattgefunden hat, ist es wichtig, dass dies sich auch in Argentinien durchsetzt, damit ganz Lateinamerika in diese Richtung geht und nicht in die von Kuba und Venezuela. Für die EU u.a. fortgeschrittene Staaten ist eine eventuelle Rückkehr von Cristina Kirchner als Präsidentin, und auch als Vizepräsidentin, die die effektive Regierungsmacht hat, ein Albtraum. Und für uns noch viel mehr.

Die Regierung sollte jedoch in Bezug auf den Dollarkurs auch unsere Empfehlung prüfen: es muss und kann erreicht werden, dass die vielen Dollarscheine, die die Bevölkerung zu Hause oder in Bankfächern hat, in Staatstiteln in Dollar angelegt werden. Auch bei den Dollardepositen bei Banken, die u$s 35,44 Mrd. ausmachen, können noch über u$s 12 Mrd. geliehen oder in Staatspapieren angelegt werden. Schon jetzt ist es gelungen, Schatzscheine in Dollar zu Zinsen von zuletzt 5,5%, und vorher sogar 4%, auf dem lokalen Finanzmarkt unterzubringen. Wenn die Zeichnung von Staatstiteln in Dollar mit einer Weißwaschung (nur für diesen Zweck) begleitet wird, kann man vorwegnehmen, dass ein Betrag von u$s 10 Mrd. bis u$s 20 Mrd. zusammenkommt, mit dem dann die Gefahr, dass der Dollarkurs nicht gehalten werden kann, verschwinden sollte, was das ganze Zahlungsbilanzproblem erleichtert. Dabei könnte auch der Leliq-Unfug abgeschafft werden. Es ist besonders wichtig, Signale zu geben, dass die Regierung den Devisenmarkt nicht nur verwaltet, sondern auch beherrscht, um zu vermeiden, dass gelegentlich ein Ansturm auf die Devisenreserven eintritt, der eine politische oder wirtschaftliche Ursache hat. In einer Wahlperiode wie dieser, in der es im Wesen um das Schicksal des Landes geht, ist dies besonders wichtig.

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