Anschlag zeigt Spaltung des Landes

Großkundgebungen nach gescheitertem Attentat auf CFK

Argentinien
Polizeiabsperrung am Tatort in Recoleta. (Foto: dpa)

Buenos Aires (dpa/mc) - Nach einem Anschlag auf Vizepräsidentin Cristina Kirchner sind Tausende Menschen in Buenos Aires und in anderen Städten des Landes aus Solidarität auf die Straße gegangen. Die Präsidentin des Schauspielerverbands, Alejandra Darín, verlas dabei auf der Plaza de Mayo vor dem Regierungssitz eine Erklärung, die den sozialen Frieden als gemeinsame Verantwortung hervorhob.

„Angesichts des Mordversuchs gegen die wichtigste Politikerin des Landes kann niemand, der die Republik verteidigt, schweigen oder seine ideologischen Differenzen über die einmütige Ablehnung stellen“, hieß es in der Erklärung am vorigen Freitag. „Seit Jahren wiederholt ein kleiner Zirkel von Politikern und Medien einen Diskurs des Hasses und der Kriminalisierung jedes volksnahen Politikers.“

Politische und soziale Organisationen, Gewerkschaften und auch Mitglieder des Kabinetts demonstrierten von Mittag an. Präsident Alberto Fernández hatte kurzfristig den Freitag zum Feiertag erklärt. Die Regierung machte die konservative Opposition und die Medien für den Angriff auf Vizepräsidentin Kirchner mitverantwortlich.

„Es ist weder ein einsamer Verrückter noch ein Einzelfall: Es sind drei Tonnen von Leitartikeln in Zeitungen, Fernsehen und Radio, die den gewalttätigen Reden den Weg bereiten“, schrieb Innenminister Eduardo de Pedro auf Twitter. „Sie haben ein Klima des Hasses und der Rache gesät und heute wurde uns das Ergebnis präsentiert - das versuchte Attentat auf Cristina Kirchner.“ Die Vorsitzende der konservativen Partei PRO, Patricia Bullrich, warf Staatschef Fernández vor, das gescheiterte Attentat politisch auszuschlachten.

Die Abgeordnetenkammer verurteilte den Anschlag nach einer turbulenten Sitzung am Samstag. Aber der gescheiterte Mordanschlag auf die genauso populäre wie umstrittene Kirchner rückt die tiefe Spaltung Argentiniens in den Fokus. Die „grieta“ (Riss) zwischen Rechts und Links zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Ihre Anhänger verehren die starke Frau des linken Lagers fast religiös, ihre Gegner hingegen hassen sie leidenschaftlich.

Nach dem Anschlag begann Kirchner, ihre Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken und ein gepanzertes Fahrzeug zu benutzen, das ihr Präsident Fernández zur Verfügung stellte, wie die Zeitung „Clarín“ berichtete.

Der brasilianische Ex-Staatschef und Präsidentschaftskandidat Luiz Inácio Lula da Silva sagte bei einer Pressekonferenz in São Luís: „Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass dies eine Warnung sein muss dessen, was in Brasilien passieren kann.“Das Nachbarland wählt in wenigen Wochen einen neuen Präsidenten.

Als Cristina Kirchner am vorigen Donnerstagabend vor ihrer Wohnung im eleganten Stadtteil Recoleta ihre Anhänger begrüßte, richtete ein Mann aus kürzester Entfernung eine Waffe auf sie (wir berichteten online). Zeugenaussagen zufolge drückte er mindestens einmal ab, löste aber keinen Schuss aus. Daraufhin wurde er von Kirchners Anhängern niedergerungen, und die Polizei nahm ihn fest.

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich Medienberichten zufolge um Fernando Sabag Montiel, einen gebürtigen Brasilianer, der schon seit längerem in Argentinien lebt. Im März 2021 wurde bei ihm ein Messer sichergestellt. In den sozialen Netzwerken soll er rechtsex-

tremen Gruppen gefolgt sein. In zwei Interviews sprach sich der 35-Jährige im Fernsehsender Crónica zuletzt gegen die Regierung und staatliche Sozialprogramme aus. Auf dem rechten Ellenbogen trägt er eine Tätowierung der schwarzen Sonne, die während der Nazi-Diktatur von der SS verwendet wurde und heute als Erkennungssymbol in der rechtsradikalen Szene gilt.

„Ich glaube, er wollte sie töten, aber leider hat er das nicht vorher geübt“, sagte ein früherer Freund des mutmaßlichen Täters, den er als Außenseiter beschrieb, im Fernsehen. Offenbar war das Magazin der Tatwaffe bei dem Angriff geladen, allerdings befand sich keine Patrone im Lauf. Das hat Kirchner offensichtlich das Leben gerettet.

Nach dem Anschlagsversuch wurde am späten Sonntagabend die Freundin Sabags gefasst. Die Polizei nahm die junge Frau namens Brenda Uliarte auf der Bahnstation Palermo fest. Im Fernsehen war zu sehen, wie zwei Beamtinnen die Verdächtige abführten. Die 23-Jährige soll bei dem gescheiterten Attentat eine Komplizin ihres Freundes gewesen sein. Erste Auswertungen eines Handys der beiden legen den Verdacht nahe, dass die Tat seit Längerem geplant war, berichtet die Zeitung „La Nación“.


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