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Abschied von unseren Lesern

Das Argentinische Tageblatt erscheint heute zum letzten Mal

Von Juan Alemann

Argentinisches Tageblatt
Das Bild zeigt die Titelseite der ersten Ausgabe des Argentinischen Tageblatts am 29. April 1889 nach der Umstellung auf tägliches Erscheinen. (Foto: AT)

Buenos Aires (AT) - Die Wochenzeitung „Argentinisches Tageblatt“ erscheint heute zum letzten Mal. Der Tod unseres Chefredakteurs Stefan Kuhn stellt uns vor ein unlösbares Problem, nachdem wir ohnehin zu wenig Redakteure hatten. Doch abgesehen davon bin auch ich jetzt 95 Jahre alt, und lange werde ich nicht mehr aktiv tätig sein, sei es aus Altersgründen oder weil ich nicht mehr da bin. Bisher habe ich nicht nur die Wirtschaftsübersicht geschrieben, sondern auch den politischen Artikel auf Seite 4, die erste Randglosse und jetzt auch die anderen beiden. Außerdem habe ich den ganzen Wirtschaftsteil zusammengesetzt und zusätzliche Artikel geschrieben. Es war viel Arbeit.

Allein, abgesehen vom Personalproblem, fehlt der Zeitung auch die wirtschaftliche Grundlage. Die Auflage ist stark geschrumpft, und rechtfertigt eine Zeitung kaum noch. Auch die Anzeigen sind stark zurückgegangen, wobei viele große deutsche Firmen sich in letzter Zeit zurückgezogen oder ihre Anzeigen stark verringert haben. Manche Firmen sind nicht mehr da, andere haben nicht-deutsche Geschäftsführer, die kein Deutsch sprechen. Deutsche Unternehmen sind zu multinationalen geworden, und die Erhaltung einer deutschsprachigen Zeitung interessiert sie nicht. Ohne die großzügige Unterstützung von Cencosud (Supermärkte Jumbo, Disco und VEA) hätten wir schon vor Jahren aufgeben müssen. Wir sind dem langjährigen Vorsitzenden des Konzerns, Horst Paulmann, zutiefst dankbar.

Die deutsche Gemeinschaft in Argentinien hat sich auch verändert. In den deutschen Schulen ist die Gruppe der Schüler, die mit „Deutsch als Muttersprache“ eingestuft wurden, stark geschrumpft. Die Schüler sprechen unter sich vorwiegend Spanisch. Auch die englische Sprache, die in diesen Schulen als Drittsprache gelehrt wird, hat Deutsch zunehmend verdrängt.

Die deutschen Vereine und Kirchen bestehen zwar weiter, haben jedoch einen starken lokalen Charakter. Es geht hier in die gleiche Richtung, die deutsche Vereine in den Vereinigten Staaten durchgemacht haben, wo sie rein US-amerikanisch sind, und nur auf den deutschen Ursprung zurückblicken.

Das Argentinische Tageblatt kann immerhin auf ein 144-jähriges Bestehen zurückblicken. Im Jahr 1878 gründete der aus dem Kanton Bern stammende Schweizer Johann Alemann, mein Urgroßvater, die Wochenzeitung „Argentinisches Wochenblatt“. Es ging ihm dabei gut, nachdem es ab 1880 eine große Einwanderung gab, die auch Deutsche, Schweizer und Österreicher umfasste. 1880 wurde General Julio Argentino Roca zum Präsidenten, für den sich auch Alemann vorher eingesetzt hatte, als der Wahlkampf zwischen Roca und Tejedor einsetzte. Roca regierte bis 1886, und dann übertrug er das Amt an seinen Schwager, Miguel Juarez Celman, womit er die effektive Macht behielt. Es blieb alles in der Familie.

Neuere Untersuchungen sind zum Schluss gelangt, dass sich das Bruttoinlandsprodukt von 1880 bis 1890 etwa verdreifacht hat. Dieses starke Wachstum endete 1890 mit einer schweren finanziellen Krise, was zum Rücktritt von Juarez Celman führte. Vizepräsident Carlos Pellegrini übernahm die Präsidentschaft, und es gelang ihm, die Krise zu überwinden, u.a. mit der Gründung der Banco Nación. 1892 trat dann Luis Saenz Peña als Präsident an und 1898 zum zweiten Mal Julio A. Roca, der dann bis 1904 regierte. Das 20. Jahrhundert begann mit einem hohen Wachstum der argentinische Wirtschaft, was erneut Einwanderer anzog.

Argentinisches Tageblatt
Das Team des Argentinischen Tageblatts im Jahr 2017. (Foto: AT)

Das Argentinische Tageblatt fußte grundsätzlich auf den Einwanderungswellen. Die ersten wurden durch den ersten Weltkrieg unterbrochen. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts kamen wieder deutsche Einwanderer, nachdem Deutschland während der Weimarer Republik schwere wirtschaftliche Probleme hatte, besonders die Hyperinflation von 1923.

In den 30er-Jahren gab es dann eine politisch bedingte Emigration aus Deutschland, die an erster Stelle Juden umfasste, aber auch Sozialisten und andere politische Dissidenten, denen der Nationalsozialismus missfiel. Das gab dem Tageblatt viele Leser, nachdem die andere deutschsprachige Zeitung, die damals bestand, die „Deutsche La Plata Zeitung“, für das nationalsozialistische Regime Stellung bezogen hatte. Diese Zeitung wurde dann 1945 von der Regierung geschlossen, nachdem Argentinien kurz vor Kriegsende den Krieg gegen Deutschland erklärt hatte. Sie wurde durch die „Freie Presse“ ersetzt, die vom Österreicher Federico Müller herausgegeben wurde, und bis 1975 bestand.

In der Nachkriegszeit gab es eine letzte Einwanderungswelle aus Deutschland, weil es im kriegszerstörten Deutschland zunächst schlecht aussah, auch bemühten sich die deutschen Firmen, ihre argentinischen Filialen wieder aufzubauen, die im Zuge der Kriegserklärung zum Teil enteignet worden waren, aber schon vorher als Folge des Krieges geschrumpft waren. Die brachte dem Argentinischen Tageblatt auch Leser.

Doch diese letzte Einwanderungswelle aus Deutschland und Österreich dauerte nicht lange. Deutschland erholte sich wirtschaftlich, es gab ein sogenanntes Wirtschaftswunder, mit hohem Wachstum, und viele Emigranten kehrten nach Deutschland zurück. Ab 1960 gab es kaum noch Einwanderung aus dem deutschsprachigen Europa, und das hat auch das Argentinische Tageblatt zu spüren bekommen.

In den letzten Jahren haben wir das Argentinische Tageblatt nur mit großer Mühe herausgeben können, eigentlich nur dank der Treue unserer Mitarbeiter. Mehrmals sah es so aus, dass wir finanziell am Ende waren, aber dann ging es doch weiter, indem wir Zahlungen hinausschoben, und besonders die Deutsche Presse Agentur dies duldete. Ohne dpa hätte die Zeitung schon seit Langem nicht mehr erscheinen können.

Das Tageblatt blieb immer im Familienbesitz und wurde von einem Mitglied der Familie Alemann als Direktor geleitet. Zuerst war es Johann Alemann, der 1893 starb, dann sein Sohn Theodor, der 1926 starb, und dann Ernesto Fernando Alemann, der 1982 verstarb. Danach übernahmen seine Söhne Roberto und Juan die Leitung, und ab März 2020, als Roberto starb, nur noch Juan.

Bis 1992 hatten wir unseren Betrieb in der 25 de Mayo, im Stadtzentrum. Vorher waren die Verwaltungsbüros und die Redaktion in unserem Gebäuden in der Tucumán 313. Die Redaktion blieb immer dort, aber Direktion und Verwaltung zogen in das neue Gebäude auf der 25 de Mayo ein, das mit dem alten verbunden war. Wir hatten im Keller des alten Gebäudes eine große Druckerei mit Bleisatz und machten auch viel Fremddruck. Zeitweise druckten wir auch die englischsprachige Zeitung „The Buenos Aires Herald“ u.a., und vornehmlich Zeitschriften. Das gab uns eine wirtschaftliche Basis, die auch der Zeitung verhalf, schlechte Zeiten zu überstehen.

Doch dann kam die technologische Revolution. Der Bleisatz verschwand, und der traditionelle Druck wurde durch das Offset-System ersetzt. Wir kauften eine Druckmaschine mit dieser Technologie, und schlossen die Abteilung mit dem Bleisatz. Plötzlich waren unsere 15 Linotypes nicht mehr brauchbar. Wir gingen auf Photosatz über, und danach direkt auf die Computertechologie, bei der die Zeitung am Bildschirm zusammengestellt wird, und dann der Text auf eine Aluminiumfolie übertragen wird, mit der der Druck erfolgt. Dies hat die Herstellung der Zeitung stark verbilligt. Die technologische Revolution hat unsere Druckerei zunichte gemacht, aber der Zeitung verholfen, weiter zu bestehen.

Argentinisches Tageblatt
Das Tageblatt erhält 2012 in Berlin den Medienpreis „Dialog für Deutschland.“ In der Bildmitte Redaktionsleiter Stefan Kuhn und Roxana Alemann als Vertreterin der Verlegerfamilie. (Foto: AT)

Die Technologie hat unser Geschäft mit dem Fremddruck zunichte gemacht. Aber sie hat uns die Möglichkeit gegeben, die Zusammenstellung und den Druck des Tageblatts stark zu verbilligen, was für uns wesentlich war. 1992 verkauften wir die Gebäude in der 25 de Mayo und Tucumán, und zogen in ein Gebäude in der Juncal, zwischen Esmeralda und Suipacha, um. Von da zogen wir dann auf ein Büro in der Carlos Pellegrini um, und dann in das Gebäude in Belgrano, in der Straße Ciudad de la Paz. Dieses Gebäude, das wir gemietet haben, steht zum Verkauf, und wenn es verkauft wird, müssen wir weg. Auch das ist ein Grund zum Schließen, weil wir dann woanders mieten müssten und die Miete voraussichtlich unbezahlbar wäre.

Das Ende des Argentinischen Tageblatts hat eigentlich schon 1992 begonnen, als wir, mein Bruder Roberto und ich, uns überlegten, ob es nicht vernünftiger wäre, auch die Zeitung zu schließen. Doch die Liebe zum Tageblatt und die Verpflichtung, die wir gegenüber der deutschsprachigen Gemeinschaft empfanden, bewog uns, weiterzumachen, auch unter schwierigen Umständen, die mit der Zeit dann komplizierter wurden.

Die Zeitung konnte in den letzten Jahren nur überleben, weil das Personal, das auf ein Dutzend Personen geschrumpft war, aktiv mitarbeitete. Sie empfanden das Argentinische Tageblatt als ihre Zeitung, und jeder machte seine Arbeit mit viel eigener Initiative, ohne Anweisungen von mir zu erwarten. Diesen Mitarbeitern drücke ich hier meinen besonderen Dank aus.

Es geht alles zu Ende, es geht alles vorbei. Auch das Argentinische Tageblatt. Jetzt ist Schluss.



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